{"corpus":"steiner","locus":"GA 240/1924-07-18/p036","lang":"de","edition":"original","edition_basis":null,"is_original":true,"is_default_edition":true,"text":"Zu Weihnachten wurde damit begonnen, diese inneren Zusammenhänge immer mehr und mehr zu enthüllen. Sie müssen an den Tag kommen, denn die Menschheit wartet auf die Erkenntnis des Inneren, nachdem sie durch viele Jahrhunderte hindurch nur Äußeres erfahren hat und heute die Zivilisation in einer furchtbaren Lage ist. Unter dem vielen, was da kommen wird, muß der Hinweis stehen darauf, wie auf der einen Seite die Schule von Chartres gewirkt hat, wie die in dieser Schule Eingeweihten durch die Pforte des Todes gegangen sind, in der geistigen Welt noch diejenigen Seelen getroffen haben, die später das Dominikaner-Ordenskleid getragen haben, um den Aristotelismus mit seiner Intellektualität auszubreiten, um in kraftvoller Weise das Zeitalter der Bewußtseinsseele vorzubereiten. Und so haben wir, ich möchte sagen, fortwirkend in der Anthroposophischen Gesellschaft den Aristotelismus, nur heute spiritualisiert, und seine weitere Spiritualisierung erwartend. Dann werden, am Ende des 20. Jahrhunderts, diejenigen kommen, von denen heute so mancher da ist, aber vereinigt mit jenen, welche die Lehrer der Schule von Chartres waren. Dahin zielt die anthroposophische Bewegung: beide in sich zu vereinigen. Aristotelismus in den Seelen, die vorzugsweise im alten Heidentum in Erwartung des Christentums standen und Christentum-sehnsüchtig gelebt haben, bis sie als Dominikaner das Christentum durch die Intellektualität verkünden konnten; sie werden vereinigt sein mit denjenigen, welche das Christentum noch in physischer Weise erlebt haben und deren bedeutendste Führer vereinigt waren in der Schule von Chartres. Diese letztern waren bisher nicht in einer Inkarnation, obwohl ich bei meinem Nahetreten dem Zisterzienser-Orden immer Inkorporationen von manchen derjenigen antreffen konnte, die in der Schule von Chartres waren. Denn im Zisterzienser-Orden begegnete man mancher Persönlichkeit, die nicht eine Wiederverkörperung eines Schülers von Chartres war, die aber Augenblicke im Leben hatte, wo sie in begeisterter Weise für Stunden, für Tage durchsetzt war von einer solchen Individualität aus der Schule von Chartres. Inkorporationen also, nicht Inkarnation lag da vor. Und Wunderbares ist da geschrieben worden, wovon man fragen muß: Wer ist der Schriftsteller? Der Schriftsteller ist nicht der Pater, der damals im Zisterzienser-Orden war, in dem blaßgelben Kleid mit der schwarzen Stola und schwarzen Binde; sondern der Schriftsteller ist in diesem Falle jene Persönlichkeit, die für Stunden oder für Tage oder Wochen in der Seele eines solchen Zisterzienser-Ordensbruders Platz gegriffen hatte. Davon hat dann noch manches nachgewirkt in solchen Aufsätzen oder Schriften, die wenig in der Literatur bekanntgeworden sind. Ich selber habe ein merkwürdiges Gespräch gehabt, von dem ich auch in «Mein Lebensgang» erzählt habe, mit einem Angehörigen des Zisterzienser-Ordens, der ein außerordentlich gelehrter Mann war. Wir gingen aus einer Gesellschaft fort und sprachen über das Christus-Problem. Ich setzte meine Ideen darüber auseinander, die im wesentlichen dieselben waren, die ich immer vortrage. Er sagte, indem er unruhig wurde, während ich dies auseinandersetzte: Wir mögen vielleicht auf so etwas kommen; wir werden uns nicht gestatten, so etwas zu denken. — In ähnlicher Weise sprach er sich über andere Probleme der Christologie aus. Aber dann blieben wir — der Moment steht mit großer Lebendigkeit vor meiner Seele — in Wien, dort wo der Schottenring und der Burgring aneinandergrenzen, auf der einen Seite die Hofburg, auf der anderen Seite das Hotel de France und die VotivKirche, etwas stehen, und da sagte der Mann zu mir: «Ich möchte, daß Sie mit mir gehen. Ich werde Ihnen aus meiner Bibliothek ein Buch geben; da steht etwas Merkwürdiges drin, was an das anknüpft, was Sie jetzt eben sagten.» Ich ging mit. Der Mann gab mir ein Buch über die Drusen. Aus dem ganzen Zusammenhange unseres Gespräches mit dem der Lektüre dieses Buches erfuhr ich, daß dieser grundgelehrte Mensch, als ich, von der Christologie ausgehend, auf die wiederholten Erdenleben zu reden kam, in einer ganz merkwürdigen Weise wie entgeistert war und, als er zu sich gekommen war, sich bloß erinnerte: er hat ein Buch über die Drusen, in dem steht etwas von der Wiederverkörperung. Aus dem einen einzigen Buche wußte er das. Er war so gelehrt, daß man — er war schon Hofrat an der Wiener Universität — von ihm sagte: Der Hofrat N.N. kennt die ganze Welt und noch drei Dörfer - so gelehrt war er, aber er wußte nicht mehr in seiner Leiblichkeit, als daß in einem Werke über die Drusen etwas über die wiederholten Erdenleben steht. Das ist der Unterschied zwischen dem, was die Menschen in ihrem Bewußtsein haben, und dem, was als die geistige Welt durch die Menschenseelen strömt. - Und dann kam das Merkwürdige, daß ich einmal in Wien einen Vortrag hielt. Dieselbe Persönlichkeit war dabei, und nach dem Vortrage machte sie eine Bemerkung, die gar nicht anders aufzufassen war, als daß der Mann in diesem Augenblicke ein volles Verständnis hatte für einen Menschen der Gegenwart und für die Beziehung dieses Menschen der Gegenwart zu seiner früheren Inkarnation. Und was er da über den Zusammenhang von zwei Erdenleben sagte, das war richtig, war nicht falsch. Aber er verstand gar nichts; er sprach das nur.","text_trust":"verbatim","quote_safe":true,"title":"Erster Vortrag","site_heading":null,"date":"1924-07-18","location":null,"word_count":811,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/240/1924-07-18/p036","alignment_confidence":null,"alignment_reason":null,"two_voice_volume":false,"translation_credit":null,"edition_coverage":{"de":["original"],"en":["English"]},"available_versions":[{"lang":"de","edition":"original","edition_basis":null,"is_original":true,"is_default_edition":true,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/240/1924-07-18/p036"},{"lang":"en","edition":"English","edition_basis":null,"is_original":false,"is_default_edition":true,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/en/ga/240/1924-07-18/p036","paragraph_aligned":true}],"record":{"record_type":"unknown","scope":"volume","note":"How this text was taken down (shorthand transcript, listeners' notes or manuscript) is not on record here. Unknown is not an assurance of a stenogram: check the edition's own notes before resting an argument on one word.","evidence":null,"evidence_translation":null,"evidence_source":null},"other_renderings":{"loci":[{"locus":"GA 260a/1924-07-18","ga":"260a","lecture":"1924-07-18","kind":"reprint","relation":"the same text served under another volume (a reprint or another edition)"}],"note":"The same lecture is also served at the loci listed, each with how it relates to this one. They are ONE witness, not independent attestations: quote the rendering you fetched, and do not cite another as corroborating it. Wording differs between translations, so a quotation found in one need not occur in the other."}}