Dritter Vortrag
Wenn wir in uralte Zeiten der Menschheitsentwickelung zurückgehen - ich habe darauf schon hingewiesen hier in den Vorträgen -, so ist es beim Menschen nicht so, daß er die Gedanken aus sich heraus erzeugt, daß er über die Dinge durch seine eigene Kraft denkt. Denn diese innere Seelenfähigkeit des Denkens, diese innere Aktivität des Gedankenbildens ist ja eigentlich erst vollständig entwickelt seit dem 15. Jahrhundert, seit dem Eindringen der Bewußtseinsseele in die Menschheitsentwickelung. Und wenn wir in vorchristliche Zeiten zurückgehen, in alte Zeiten, so finden wir überall, daß die Menschen noch gar nicht das Bewußtsein haben, daß sie selbst denken; sie fühlen gar nicht, daß sie Gedanken haben, sondern sie empfinden: die Gedanken werden ihnen aus den Dingen geoffenbart. Die Intelligenz ist kosmisch überall ausgebreitet. In den Dingen ist die Intelligenz. Und wie man die Farben wahrnimmt, so nimmt man auch den intelligenten Inhalt, den Gedankeninhalt der Dinge wahr. Die Welt ist voller Intelligenz. Allüberall ist intelligentes Wesen. Der Mensch hat diese Intelligenz sich gewissermafßen im Lauf der neuesten Zeit angeeignet. Man möchte sagen: Die Intelligenz ist etwas, was im weiten Weltenall ausgebreitet ist, wovon der Mensch in der neueren Zeit überall einen Tropfen bekommen hat. Das ist dann der Mensch.
Cite:
GA 240/1924-08-21/p011 · edition original