Philosophie und Theosophie
Aristoteles bleibt auch für die spätere Zeit der tonangebende Philosoph. Seine Leistungen flossen nicht nur ein in die nacharistotelische Zeit des Altertums bis zur Begründung des Christentums, sondern gerade in der ersten christlichen Zeit bis hinein in das Mittelalter war er derjenige Denker, nach dem man sich bei der Ausarbeitung aller Weltanschauungsbestrebungen richtete. Damit soll nicht gesagt werden, dass man etwa, namentlich im Mittelalter, wo man nicht die Urtexte hatte, den Aristoteles als System, als eine Summe von Dogmen vor sich gehabt hatte; aber man hatte sich eingelebt in die Art, wie man an der Leiter der reinen Begriffstechnik zu einem Wissen, bis hinauf zum höchsten göttlichen Wissen, kommt. Und so kam es, dass Aristoteles immer mehr und mehr der logische Lehrer wurde. Man sagte sich im Mittelalter etwa so: Möge die positive Tatsachenerkenntnis der Welt wo immer herkommen, möge sie daher kommen, dass der Mensch mit seinen Sinnen die äußere Wirklichkeit untersucht oder dass eine Offenbarung durch göttliche Gnade stattfindet wie durch den Christus Jesus - so sind das Dinge, die einfach hinzunehmen sind, auf der einen Seite als Aussagen der Sinne, auf der andern als Offenbarung. Will man aber etwas in dieser oder jener Art Gegebenes durch reine Begriffe begründen, dann muss man es mit jener Denktechnik tun, die Aristoteles begründet.
Cite:
GA 246/1908-08-17/p008 · edition original