Philosophie und Theosophie
Der Grundgedanke, der zum Beispiel für Thomas von Aquino zunächst für die höchsten Gebiete galt und welcher hätte durchaus sich so entwickeln können, dass die Grenze der menschlichen Forschung sich immer mehr nach oben in das übersinnliche Gebiet hätte erweitern können, wurde bis zur Karikatur verzerrt und lebte nun weiter in der Überzeugung: Die höchsten spirituellen Wahrheiten entziehen sich ganz und gar der rein menschlichen Denktätigkeit, der Ausarbeitung in Begriffen, zu denen es der Mensch aus sich selbst heraus bringen kann. Dadurch ist ein Riss im menschlichen Geistesleben eingetreten. Man stellte die übersinnliche Erkenntnis als etwas hin, das sich jeder menschlichen Denkarbeit absolut entziehe, das nicht durch subjektive Akte der Erkenntnis zu erreichen sei, das nur einem Glauben entspringen müsse. [Höchstens noch mit einer Art gefühlsmäßiger Überzeugung, mit bloßem Glauben, kann man sich jenen Gebieten nähern. Dieser so geöffnete Abgrund zwischen Glauben und Wissen nun ward ein mächtiger Impuls für spätere Zeiten.] Veranlagt war das schon früher, zum Extrem getrieben wurde es gegen das Ende des Mittelalters. Es wurde immer mehr herausgearbeitet die Scheidung zwischen dem Glauben, der durch eine subjektive Gefühlsüberzeugung erreicht werden muss, und dem, was als Grundlage eines sicheren Urteils durch logische Tätigkeit bearbeitet werden kann.
Cite:
GA 246/1908-08-17/p019 · edition original