Philosophie und Theosophie
Es kommt ja immer wieder vor, dass die Nachfolger, die Bekenner einer Weltanschauung, ungemein viel von dem verderben, was die Begründer durchaus richtig hingestellt haben. Statt in die Natur selbst hineinzuschauen, statt zu beobachten, fand man es am Ende des Mittelalters bequem, die alten Bücher des Aristoteles zu nehmen und bei allen akademischen Vorlesungen das Geschriebene des Aristoteles zugrunde zu legen. [Der Aristoteles galt mehr als die direkte Beobachtung.] Charakteristisch dafür ist, dass ein orthodoxer Aristoteliker aufgefordert wurde, sich an einer Leiche zu überzeugen, dass nicht, wie er missverständlich aus Aristoteles herausgelesen hatte, die Nerven vom Herzen ausgehen, sondern dass das Nervensystem sein Zentrum im Gehirn habe. Da sagte der Aristoteliker: «Die Beobachtung zeigt mir, dass sich das wirklich so verhält, aber im Aristoteles steht das Gegenteil, und dem glaube ich mehr.» So waren die Aristoteliker in der Tat eine Landplage geworden. Und darum musste die empirische Wissenschaft aufräumen mit diesem falschen [falsch verstandenen] Aristotelismus und [um überhaupt wieder Fortschritte zu erzielen] sich auf die reine Erfahrung berufen, wie wir das besonders stark als Impuls gegeben sehen bei dem großen Galilei.
Cite:
GA 246/1908-08-17/p021 · edition original