Philosophie und Theosophie
Einen letzten Ausdruck hat diese Kluft in einem Philosophen gefunden, unter dessen Einfluss sich das neunzehnte Jahrhundert in einem Netz gefangen hat, aus dem es schwer wieder herauskommen kann: in Kant. Er ist im Grunde genommen der letzte Ausläufer jener durch den mittelalterlichen Riss hervorgebrachten Spaltung. Er trennt streng den Glauben und dasjenige, was der Mensch durch das Wissen erreichen kann. [Er unternahm eine völlige Trennung rein theoretischer und praktischer Vernunft, wobei letztere durchaus auf dem bloßen Glaubensstandpunkt steht, während in der theoretischen Vernunft nur denktechnische Dinge eine Rolle spielen, die aber niemals zur Wirklichkeit und Wesenheit, zum «Ding an sich» gelangen können. Der Mensch bleibt immer im Subjektiven stecken, an das wahrhaft objektive Denken kann er nicht herantreten. Das ist der Fundamentalirrtum der Kant’sehen Philosophie.]
Cite:
GA 246/1908-08-17/p023 · edition original