Philosophie und Theosophie
Er hatte keine Ahnung davon, dass er sich diese Definition zuerst selbst zurechtgezimmert hatte und dann einem zurechtgelegten Begriffe nicht wieder entrinnen konnte. Und doch beruht sein ganzer «transzendentaler Realismus» darauf, dass er sich in etwas eingesponnen hat, was er selbst gemacht hat und von dem er annimmt, dass es eine objektive Wahrheit sei. Auf diese Weise kommt der Mensch niemals über das Urteil hinaus: Das, was ich im Vorstellen begreife, geht immer nur bis an die Grenze des Dinges an sich, es ist also nur subjektiv. - Diese Denkgewohnheit hat sich im Laufe der Zeit so fest eingelebt, dass alle diejenigen Erkenntnistheoretiker, die sich etwas darauf zugutetun, Kant zu verstehen, einen jeden für einen beschränkten Menschen halten, der nicht zugeben kann, dass ihre Definition von der Vorstellung und von der subjektiven Natur des Beobachteten richtig sei. Das alles ist durch den vorhin geschilderten Riss in der menschlichen Geistesentwicklung herbeigeführt worden. [In seinen ethischen Untersuchungen hat Eduard von Hartmann zwar bedeutsame Anregungen gegeben, seine erkenntnistheoretischen Untersuchungen haben nichts Neues und Wichtiges gebracht. So hat sich das kantische Denken im modernen Geistesleben zur förmlichen Denkgewohnheit entwickelt.]
Cite:
GA 246/1908-08-17/p031 · edition original