Philosophie und Theosophie
Ich will einen einfachen Vergleich machen. Denken Sie sich, Sie haben ein Petschaft, darauf stehe der Name Müller. Nun drücken Sie das Petschaft in einen Siegellack und nehmen es fort. Nicht wahr, darüber sind Sie sich doch klar, dass, wenn dies Petschaft, sagen wir, aus Messing besteht, dass nichts von dem Messing in den Siegellack übergehen wird. Wenn nun dieser Siegellack erkennend im Kant’sehen Sinne wäre, so würde er sagen: «Ich bin ganz Lack, nichts kommt vom Messing in mich herein, also gibt es keine Beziehung, die ich über die Natur dessen, was mir da entgegentritt, wissen könnte.» Dabei aber ist ganz vergessen, dass das, worauf es ankommt, nämlich der Name Müller, ganz objektiv als Abdruck im Siegellack drinnen ist, ohne dass vom Messing etwas hinübergegangen ist. So lange man materialistisch denkt und glaubt, dass, um Beziehungen herzustellen, Materie von dem einen zum andern hinüberließen müsse, so lange wird man auch theoretisch sagen: «Ich bin Siegellack, und das andere ist Messing an sich; und da von dem «Messing an sich» nichts hereinkommen kann in mich, kann auch der Name Müller nichts anderes sein als ein Zeichen. Das Ding an sich aber, das im Petschaft drinnen war, das sich mir abgedrückt hat, sodass ich es lesen kann: Das bleibt mir ewig unbekannt.» Da sehen Sie die Schlussformel, der man sich da bedient. Spinnt man in dem Vergleiche weiter, so ergibt sich: Der Mensch ist ganz Siegellack (Vorstellung), das Ding an sich ist ganz Petschaft (das außerhalb der Vorstellung Befindliche). Weil ich nun als Lack (Vorstellender) nur an die Grenze des Petschafts (das Ding an sich) herankommen kann, so bleibe ich in mir selbst, es kommt nichts vom Ding an sich in mich herüber. So lange man den Materialismus auf die Erkenntnistheorie ausdehnen wird, so lange wird man nicht herausfinden, worauf es ankommt. Der Vordersatz gilt: Wir kommen nicht über unsere Vorstellung hinaus; aber was herüberkommt, ist als Geistiges zu bezeichnen; das hat nicht nötig, dass materielle Atome herüberließen. Nichts von einem Materiellen kommt in das Subjekt herein - trotzdem aber kommt das Geistige herüber in das Subjekt, so wahr wie der Name Müller in den Siegellack. Davon muss eine gesunde erkenntnistheoretische Forschung wieder ausgehen können, dann wird man sehen, wie sehr sich der neuzeitliche Materialismus selbst unvermerkt in die erkenntnistheoretischen Begriffe eingebürgert hat. Es folgt nichts anderes aus einem unbefangenen Betrachten der Sachlage, als dass Kant sich ein «Ding an sich» nur materiell vorstellen kann, so grotesk eine solche Behauptung sich auch für den ersten Blick ausnchmen mag.
Cite:
GA 246/1908-08-17/p042 · edition original