Philosophie und Theosophie
Nun aber tritt etwas Besonderes hinzu. Diejenigen reinen Gedanken, die so gebildet werden, passen zur Erfahrung. Ohne sie kann man sogar die Erfahrung gar nicht begreifen. Denken Sie einmal, wenn Kepler sich durch reine Begriffskonstruktion ein System ausarbeitet, das zum Beispiel elliptische Bahnen zeigt für die Planeten, wobei die Sonne sich in einem Brennpunkt befindet, und wenn man dann hinterher durch das Fernrohr konstatiert, dass die Beobachtung übereinstimmt mit dem vor der Erfahrung gefassten reinen Gedankenbilde! Da zeigt es sich für jedes unbefangene Denken, dass, was als reines Denken entsteht, für die Realität nicht bedeutungslos ist denn es stimmt ja mit der Realität überein. Ein Forscher wie Kepler illustriert durch sein Verfahren, was der Aristotelismus erkenntnistheoretisch begründet hat. Er erfasst das, was zu den Universalien post rem gehört, und findet, wenn er an die Dinge herangeht, dass diese universalia post rem vorher als universalia ante rem in sie hineingelegt worden sind. Werden nun nicht im Sinne einer verkehrten Erkenntnistheorie die Universalien zu bloßen subjektiven Vorstellungen gemacht, sondern zeigt es sich, dass man sie objektiv in den Dingen findet, so müssen sie erst in die Form hineingelegt sein, von der Aristoteles annimmt, dass sie der Welt zugrunde liegt.
Cite:
GA 246/1908-08-17/p045 · edition original