Das Todesrätsel Als Lebensrätsel

GA 246/1916-03-03/p074 ·1916-03-03 · original (original)
Record: listeners' notes. Written from listeners' notes, summaries, or memory rather than a shorthand transcript. The wording is the note-taker's as much as Steiner's: weigh a single striking phrase here far more cautiously than the same phrase in a stenographic volume, and do not rest an argument on one word. Evidence: «Nach zum Teil bruchstückhaften Mitschriften» (From transcripts that are in part fragmentary). The publisher's description of the volume, as mirrored on AnthroWiki (GA 246), which also speaks of "fragmentarischen Hörernotizen und Vortragszusammenfassungen". The translation is the maintainer's, not a published one.

Wenn die Leute nur verstehen würden, was sie selber sagen, dann wäre schon etwas damit gewonnen! Für die physische Welt geben die Menschen die Erhaltung der Kräfte zu; da reden sie davon, dass keine Kraft verloren geht. Wenn das ausgedehnt werden soll auf die geistige Welt ... Ja, dann geht natürlich auch das Denken nicht verloren, aber es wird dem Ahriman überliefert. Doch was reden heute die Menschen nicht alles! Es ist ja auch innerhalb Deutschlands eine Philosophie entstanden, die sogenannte Philosophie des «Als ob», nachgebildet dem, was ich gestern angeführt habe als englischen Pragmatismus. Die Philosophie des «Als ob» ... was bedeutet diese Philosophie des «Als ob?» Ein gewisser Vaihinger hat die Philosophie des «Als ob» so begründet: Es soll der Mensch nicht eine Seele haben, sondern man soll das, was sich am Menschen äußert, so betrachten, als ob er eine Seele hat ... weil es, nicht wahr, bequem ist, das unter einem gewissen nützlichen Begriff zu betrachten. Das Atom hat auch kein Mensch gesehen, aber der Atomismus gilt. Man soll die Welt so betrachten, als ob Atome in ihr wären. Die Philosophie des «Als ob»! Die Menschen haben gar keinen Begriff, sehen Sie, dass — wenn man etwas «als ob» betrachtet und es real betrachtet - man das nicht kann: etwas «als ob» betrachten, wenn’s nicht real da ist! So zum Beispiel betrachten heute die Menschen - ja, die Menschen, die ungefähr so geartet sind, na, sagen wir, wie jene, die das «Berliner Tageblatt» lesen -, sie betrachten heute Fritz Mauthner als einen großen Philosophen, größer als Kant, der den Kant noch «überkanter» hat und die «Kritik der Sprache» geschrieben hat. Fritz Mauthner betrachten sie als einen großen Philosophen! Ich will jetzt nicht über Fritz Mauthner reden, aber ich will nur erwähnen: Diese Philosophie, die in drei dicken Bänden als Kritik der Sprache enthalten ist, die eigentlich nichts anderes ist als das ausgewalzteste Philosophen-Blech (auch in einem dicken Wörterbuch ist es enthalten), die könnte einen doch veranlassen, zum Beispiel Fritz Mauthner so zu betrachten, als ob er einen Funken philosophischen Geistes hätte! Aber man kriegt nichts dabei heraus. Wenn man nur sagen könnte, man betrachte Fritz Mauthner, als ob er philosophischen Geist hätte! Wenn er ihn nur wirklich hätte! So aber kommt man zu nichts. Die Als-ob-Philosophie hilft einem nichts, wenn die Dinge nicht das enthalten, was das «Als ob» einschließt! - Ja, es ist eben so, dass man viel tiefer im Materialismus drinnen lebt, als man denkt, und dass schon gerade das mitteleuropäische Denken angefacht werden muss an den Stellen, wo das Deutschtum vor allen Dingen sich bewusst werden muss, was es in seiner Volkssubstanz eigentlich enthält!

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