II. Seelenübungen des Denkens, Fühlens und Wollens

GA 25/l02/p013 · original (original)

In der modernen geistigen Entwickelung der Menschheit hat sich erst das ausgebildet, was man abstraktes Denken nennen kann. Der Mensch früherer Entwickelungsepochen hatte dieses Denken nicht. Es ist aber notwendig zur Entwickelung der menschlichen Freiheit. Denn es löst die Kraft des Denkens von der Bildform los. Man erreicht die Möglichkeit, durch den physischen Organismus zu denken. Ein solches Denken wurzelt aber nicht in einer wirklichen Welt. Es ist nur in einer Scheinwelt enthalten. In dieser Scheinwelt kann man die Naturvorgänge abbilden, ohne daß der Mensch in diese Bilder von sich aus etwas hineinlegt. Man gelangt zu einem Abbilde der Natur, das als Abbild wirklich sein kann, weil das Leben im denkerischen Abbild in sich selbst nicht Wirklichkeit, sondern nur Schein ist. In dieses Scheindenken können aber auch die moralischen Impulse so aufgenommen werden, daß sie auf den Menschen keinen Zwang ausüben. Die moralischen Impulse selbst sind wirklich, weil sie aus der Geisteswelt stammen; die Art, wie sie der Mensch in seiner Scheinwelt erlebt, macht es ihm möglich, sich frei nach ihnen zu bestimmen, oder nicht zu bestimmen. Sie selbst üben weder durch seinen Körper, noch durch seine Seele auf ihn einen Zwang aus.

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