25. Das Jüngerwerden der Menschheit Massregeln

GA 251/1917-06-10/p010 ·1917-06-10 · original (original)
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Ich muss sagen, wenn ich so im Laufe des zwanzigsten Jahrhunderts bis zum Jahre 1914 den Namen Herman Grimm in diesem oder jenem Zusammenhang innerhalb unserer geisteswissenschaftlichen Betrachtungen genannt habe, da war es mir, als ob er neben mir stünde. Man hatte bei solchen Persönlichkeiten, die einem besonders wertvoll erschienen für die Entwicklung des Geisteslebens der Gegenwart, immer das Bedürfnis, im Stillen sich die Frage zu stellen: Wie würde eine solche Persönlichkeit zu dem oder jenem Stellung genommen haben, was vorgegangen ist nach ihrem Tode? Herman Grimm, er starb ja beim Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts. Gewiss ist eine solche Frage eine hypothetische Frage. Denn wenn wir den Blick hinaufwenden zu den Seelen solcher Menschen, die durch des Todes Pforte gegangen sind, so kommt natürlich etwas anderes heraus, als wenn wir uns die hypothetische Frage vorlegen: Wie würde der Mensch, wenn er noch im Leibe verkörpert wäre, sich aussprechen über das oder jenes, was in der Welt vorgeht? Wer Interesse hat an den Ereignissen der Welt, der wird ja, wie ich glaube, selbstverständlich mit seinen Zeitgenossen so fühlen wollen; und wenn er diesen Zeitgenossen persönlich nahegetreten ist, wird er auch über den Tod hinaus versuchen, mit ihnen zu fühlen. Ich sagte: Wie wenn Herman Grimm neben mir gestanden hätte, so kam es mir vor, wenn ich von ihm sprach bis zum Jahre 1914. Das ist anders geworden, seitdem die schweren Ereignisse über uns hereingebrochen sind. Seit jener Zeit kam es mir geradezu wie eine absurde Empfindung und [wie ein absurdes] Gefühl vor, die Frage ebenso zu stellen, wie ich sie früher gestellt habe. Man möchte sagen, solch eine Persönlichkeit, mit der man noch gelebt hat, und die mit einem im Grunde genommen lebte, auch nachdem sie vom physischen Plan abgegangen war, eine solche Persönlichkeit erscheint einem heute, trotzdem seit dem Jahre 1914 nur drei Jahre vergangen sind, wie eine mythische Persönlichkeit; wie eine Persönlichkeit, die einer fernen Geschichte angehört. Fast so, wie wenn man eine Persönlichkeit aus dem Mittelalter studierte, die man ja auch nicht fragen könnte in dem Sinne, wie ich es eben andeutete, wie sie sich zu den Ereignissen der Gegenwart aussprechen würde, wenn sie noch im Leibe verkörpert wäre. Es ist wirklich so, wie wenn wir es erlebt hätten, dass eine verhältnismäßig kurze Zeit lang, lang gedehnt worden wäre.

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Cite: GA 251/1917-06-10/p010 · edition original