39. Zur Charakteristik der Gegenwart
Es scheint mir, als ob es unberechtigt wäre, wenn ältere Mitglieder sich unbefriedigt fühlen gegenüber dem Fortgange und der Wandelung der anthroposophischen Bewegung, weil zu der eigentlichen esoterischen Bewegung von früher - zu dem, was einen ausgesprochen esoterischen Charakter trug —, noch etwas anderes hinzugekommen ist. Es ist ja nur hinzugekommen, es hat es nicht ersetzt. Die Esoterik ist, wir dürfen das sagen, nicht ausgestorben, nur ist in das anthroposophische Leben natürlich hereingekommen ein weiteres, anderes Element. Um zu diesem weiteren, anderen Element eine richtige Stellung zu gewinnen - ganz gleichgültig, ob wir in ihm etwas sehen, was wir mehr oder weniger annehmen oder ablehnen -, müssen wir sagen: Wir haben es nicht gesucht, es hat mehr oder weniger uns gesucht. Das müssen wir uns schon vor die Seele rücken. Und ebenso, wie wir mit inniger, selbstverständlicher Liebe hinschauen auf unser esoterisches Element in der anthroposophischen Bewegung, so dürfen wir uns, wenn es sich darum handelt, dieses andere Element zu unserer Esoterik in Beziehung zu bringen, auf der anderen Seite nicht der klaren Einsicht darüber verschließen, was in der letzten Zeit sehr stark eingetreten ist in die anthroposophische Bewegung und sich neben das Esoterische hingestellt hat. Erinnern Sie sich doch, namentlich sage ich das zu den älteren unserer lieben Mitglieder, von welch kleinen Kreisen wir überall ausgegangen sind. Zunächst war allerdings auch die Verbreitung, die unsere anthroposophische Bewegung genommen hat, von einem esoterischen Charakter getragen. Man darf sagen: Als Anthroposophie ausgebreitet wurde auf den Wegen, die zuerst für die breitere Öffentlichkeit da waren durch die Zeitschrift «Lucifer - Gnosis», da war auch diese Ausbreitung mit einem esoterischen Charakter behaftet. Esoterische Wahrheiten drangen zu denjenigen, die von ihnen Kenntnis nehmen wollten. Gewiss, man muss dasjenige fühlen, was in dem damaligen esoterischen Wollen lag. Aber aus der Esoterik löste sich allmählich etwas los, was zunächst im Grunde genommen gar nicht innerhalb unserer eigenen Handhabung lag. Die Sache ging zuerst, man möchte sagen, einen eigenen Weg, und innerhalb unserer Reihen wurde die Esoterik weitergetrieben, die dann sich abschattete in den öffentlichen Vorträgen, die gehalten wurden. Es bildete sich dasjenige aus, was dann in einem mehr oder weniger - wir dürfen sagen - «fertigen Zustande» da war und etwas von uns haben wollte. Es war noch nicht da in der Zeit, die der Kriegskatastrophe voranging; es war damals erst in den allerersten Spuren in den allerersten Anfängen vorhanden. Aber es war schon sehr stark vorhanden, als dann die Kriegskatastrophe in jenes Stadium eintrat, das etwa 1918 da war. Da war sozusagen etwas da, das ohne unsere unmittelbare Anteilnahme entstanden war, und es trat uns als etwas Fertiges entgegen. Und wenn ich auch nur mit demjenigen Grade von Genauigkeit charakterisieren kann, der einer kurzen, skizzenhaften Charakteristik angemessen sein kann, so muss ich sagen: In die verschiedensten Kreise der Welt, namentlich auch in wissenschaftliche Kreise, war Anthroposophie eingedrungen, sie war in ihnen, bekannt geworden, war beurteilt worden, und man forderte von der Anthroposophie die «wissenschaftliche Rechtfertigung». Mit dieser Erscheinung, dass durch die anthroposophische Literatur einfach etwas da war, was Forderungen aufstellte, denen gegenüber man zurechtkommen musste, war zugleich etwas anderes da: Es war eine Anzahl jüngerer Wissenschafter da, zum Teil auch älterer, die sich ganz ernsthaft von ihrem wissenschaftlichen Denkerstandpunkte aus mit der Anthroposophie auseinandersetzten und von den verschiedensten Seiten her gewissen Partien der Welterkenntnis einen anthroposophischen Charakter gaben. Daher kann man sagen: Man ist gar nicht in der Lage, etwa die Frage zu beantworten: Ist es nun sympathisch oder unsympathisch, dass zu der älteren, esoterischen Art die neuere, von manchen als vielleicht «zu» wissenschaftlich empfundene Strömung hinzutrat, und dass gerade diese Strömung, namentlich auch durch die Herausforderung der Gegner, einen immer mehr und mehr breiten, öffentlichen Charakter angenommen hat. Wir können nicht mit Sympathien und Antipathien das, was da wirklich von außen an uns herangestürmt ist, betrachten, weil es gar nicht von uns abhing, dass es einmal mehr oder weniger fertig dastand. Wir können nur sagen: Die Notwendigkeit trat auf, einfach in das wissenschaftliche Leben auch der Gegenwart die Anthroposophie hineinzustellen, die durchaus hineingestellt werden kann, die überall das höchste wissenschaftliche Leben der Gegenwart befruchten und weiterführen kann — weiterführen kann zu denjenigen Zielen, zu denen es weitergeführt werden muss.
Cite:
GA 251/1922-05-21/p010 · edition original