Sechster Vortrag
Wirklich, in diesen Dingen handelt es sich um etwas, was ich seit vielen Jahren betone, so betone, daß ich für notwendig gefunden habe, es einzufügen meiner philosophischen Grundschrift. Versuchen Sie die anderen Philosophien zu lesen. Sie werden in der Theorie, in den Ausdrucksformen auch in früheren Schriften manches finden, was in meiner «Philosophie der Freiheit» wiederkehrt. Aber eines ist da drinnen — wenigstens in der Art, wie es damit verwoben ist als ein ethisches Prinzip, als moralischer Impuls -, was, so wie es dort ausgedrückt ist, wirklich original ist: Es ist zum erstenmal eingefügt der moralische Takt als etwas, was nicht durch bloße Urteilskraft erfaßt werden kann, sondern was nur erfaßt werden kann durch die Gänze des Gemüts; daß man.nicht, wenn irgend etwas leicht berührt werden soll, gleich ins Extrem verfällt und eine Sünde mit der anderen auskehren will, das ist moralischer Takt. Ich habe ihn so klar wie möglich zu definieren versucht gerade in der «Philosophie der Freiheit». Heute ist es wirklich notwendig zu betonen, daß wir der Gefahr entgehen müssen, in das andere Extrem zu verfallen, deshalb, weil wir eine fatale Sache zu behandeln haben.
Cite:
GA 254/1915-10-19/p058 · edition original