Dreizehnter Vortrag
Jetzt in der Tat dürfte es wohl kaum einen Kropf geben, den die Jodine nicht von Grund aus heilte; und dies nicht allein. Ein neues Mittel greift den Menschen erst bei einem schwachen Punkte an; aber es frißt um sich wie ein Krebs; und so hat denn die Jodine auch schon die Skropheln und Krankheiten des Uterus angegriffen; und kein Zweifel, daß sie von da aus sich noch weiter umsehen wird. Es geht den Mitteln wie gescheiten Leuten: Lange Jahre können verfließen, ehe Jemand daran denkt, sie zu brauchen; man weiß kaum, daß sie da sind; haben sie aber erst Geschick in einer Sache gezeigt, so häuft man nach und nach so viel Funktionen, Ehren und Würden, mögen sie dazu taugen oder auch nicht taugen, auf sie, daß sie, weil sie doch nicht alles zugleich leisten können, nun gar nichts mehr leisten und bloß von ihrem alten Rufe zehren. Die Jodine hat es allerdings noch nicht so weit gebracht; sie muß noch rüstig sein und sich rühren, ehe sie sich ihrerseits wird zur Ruhe setzen können. Unterstütze man sie darin; man wird desto eher das Vergnügen haben, zu einem andern Mittel übergehen zu können. Indes ist es unnötig, hierzu noch besonders zu ermahnen, da ohnehin in neuerer Zeit schon das Mögliche geschieht, ein Mittel durch alle Krankheiten hindurch zu jagen, bis es zuletzt todmüde absteht; man hat überdies jetzt den Vorteil, doppelt so schnell als früher zustande zu kommen, weil, während ein Mittel gegen die eine Hälfte der Krankheiten von der Allopathie verordnet wird, es stets zugleich gegen alle Krankheiten von direkt entgegengesetzter Natur von der Homöopathie gebraucht wird, so daß ihr keine Krankheit so leicht entgehen kann. So werden wir gewiß nächstens erleben, daß die Einen die Jodine gegen die Fettsucht empfehlen, weil sie die Leute mager macht, und die Andern gegen die Schwindsucht, auch, weil sie die Leute mager macht: und da mithin die Jodine vermöge dieses Grundes zwei geradezu entgegengesetzte Wirkungen zu leisten vermag, so wüßte ich nicht, was im Himmel und auf Erden die Jodine nicht sollte zu bewirken vermögen, bloß aus dem Grunde, weil sie die Leute mager macht.
Cite:
GA 254/1915-11-07/p016 · edition original