Zweiter Vortrag
Diese Anschauung über die Urteilsbildung wurde vorgebracht im Zusammenhang mit dem Vortrag, den ich am 30. Dezember des vorigen Jahres in Dornach gehalten habe über die Beziehungen der Anthroposophischen Gesellschaft zu der Bewegung für religiöse Erneuerung. Und es wurde bemerklich gemacht, daß sich die Mitglieder unabhängig machen sollen mit Bezug auf ihre Urteilsfällung von demjenigen, was ich selber als ein solches Urteil abgebe. Nun, wie gesagt, das ist ganz berechtigt. Aber so, wie es vorgebracht worden ist, verstößt es in intensivstem Sinne gegen diejenige Gesinnung, die eigentlich aus der Erfassung des Kernes anthroposophischer Weltanschauung folgen muß. Denn bei der anthroposophischen Weltanschauung handelt es sich nicht darum, daß wir von dem einen Bild einer Weltanschauung, das wir heute durch die äußere Kultur gewinnen können, vielleicht den Blick abwenden und ihn hinführen zu einem andern Bild, das wir dann in derselben Begriffsart, in derselben Vorstellungsweise auffassen wie das erste Bild, welches eben nur eine andere Weltauffassung ist, sondern — und das wird ja aus der ganzen Haltung, die anthroposophische Weltanschauung einnimmt, klar sein müssen — es handelt sich bei der Anthroposophie darum, nicht nur in vieler Beziehung anderes zu denken als sonst gedacht wird, sondern vor allen Dingen dieses andere auf eine andere Art zu denken, in einer anderen Seelenverfassung zu empfinden. Umdenken und umempfinden, das ist dasjenige, was zur AnthroposoPhie notwendig ist, nicht bloß anderes denken und anderes empfinden.
Cite:
GA 257/1923-01-30/p005 · edition original