Zweiter Vortrag

GA 257/1923-01-30/p006 ·1923-01-30 · original (original)
Record: unknown. How this text was taken down (shorthand transcript, listeners' notes or manuscript) is not on record here. Unknown is not an assurance of a stenogram: check the edition's own notes before resting an argument on one word.

Wer die Neigung dazu hat, die Haltung der überwiegenden Mehrzahl meiner Vorträge zu prüfen, der wird finden, daß ich mich strengstens daran halte, dasjenige zu beobachten, was ich jetzt eben ausgesprochen habe, und daß es in der Eigentümlichkeit anthroposophischer Weltanschauung selber liegt, die Dinge so hinzustellen, daß die eigene Urteilsbildung schon durch diese Art der Hinstellung nicht in irgendeiner Weise beeinträchtigt wird. Gehen Sie die Mehrzahl meiner Vorträge durch, selbst diejenigen, die über ein solches Thema handeln, wie das des Vortrages vom 30. Dezember 1922, so werden Sie finden, daß der hauptsächlichste Inhalt aller meiner Vorträge die Angabe von Tatsachen ist, daß ich Tatsachen vorbringe, Tatsachen der übersinnlichen Welt oder Tatsachen auch wohl, die aus der sinnlichen oder historischen Welt stammen, und daß ich die Darstellung dieser Tatsachen so einrichte, daß auf Grundlage dieser Tatsachen der Zuhörer oder Leser imstande ist, immer sein eigenes Urteil zu bilden, weil ich darauf verzichte, dieses Urteil auch nur im geringsten zu beeinflussen. Einer der in Dornach gehaltenen Vortragszyklen trägt sogar den Untertitel: Darstellung von Tatsachen, die zu einer Urteilsbildung vorgelegt werden — oder so etwa. Weil das der Fall ist, stellt sich ja oftmals etwas ganz anderes ein, als daß man sagen könnte, er hat dieses oder jenes als das Richtige hingestellt. Es stellt sich vielmehr das andere ein, daß der eine sich dieses Urteil, der andere sich jenes Urteil aus meinen Vorträgen herausholt, und jeder glaubt Recht zu haben, hat vielleicht auch von seinem Gesichtspunkte aus Recht, weil es sich mir niemals darum handelt, irgendein Urteil in eine bestimmte Richtung zu bringen, sondern weil es sich mir immer darum handelt, die Tatsachengrundlage zu geben zur Bildung eines Urteils. Ich setze mich daher ganz absichtlich der Gefahr aus, daß der eine in meinen Tatsachenreihen das eine, der andere ein anderes lesen mag. Denn mir handelt es sich wirklich nur um die Mitteilung von Tatsachen, und wer die Neigung hat, die Dinge zu beobachten, wird sehen, daß ich eigentlich nur Urteile ausspreche, wenn es sich um Richtigstellungen oder Abwehrungen handelt.

Read this passage in another edition
DEoriginalENEnglish
Raw JSON: /v1/steiner/de/ga/257/1923-01-30/p006.json
Cite: GA 257/1923-01-30/p006 · edition original