Zweiter Vortrag
Dann aber kommt noch etwas anderes in Betracht, Bei der Bildung eines eigenen Urteils kommt es ja nicht bloß darauf an, daß man sicher ist, man habe dieses Urteil selbst gebildet, sondern ebenso sehr, daß man sicher ist, wenn man dieses Urteil ausspricht, man habe alles dasjenige berücksichtigt, was zur Bildung eines solchen Urteils führen kann. Ein eigenes Urteil kann schließlich jeder haben. Das eigene Urteil muß zutreffend sein, soweit es zutreffend sein kann nach den Beobachtungsmöglichkeiten der Tatsachen, die zugrunde liegen, oder auch nach der Ausschließungsnotwendigkeit der Tatsachen, die offenbar nicht stimmen können, weil sie nicht so sind, wie sie sein müßten, wenn das entsprechende Urteil ausgesprochen wird. Und so muß ich schon betonen - ich sage ausdrücklich, daß ich das, was ich heute einleitungsweise sage, nur pflichtgemäß, nicht neigungsgemäß sage: Wenn gestern gesagt worden ist, daß allerlei Mitteilungen über die andere Seite, nämlich über die religiöse Bewegung, nach Dornach gekommen seien und auch dasjenige, was ich gesprochen habe, irgendwie beeinflußt oder nuanciert gewesen sein könnte von solchen Mitteilungen, so ist das nicht richtig. Denn ganz unabhängig - das wird jeder, der unbefangen auf die Sache eingehen will, dennoch einsehen -, ganz unabhängig von solchen Mitteilungen ist dieser Vortrag verfaßt. Und das dritte, was auch in Anknüpfung an diesen Vortrag vorgebracht worden ist, ist dieses, daß die eine Seite Gelegenheit gehabt hätte, über die Angelegenheiten zu sprechen, die andere nicht. Und wenn ich nicht irre, so ist zum Beispiel die Waldorfschul-Lehrerschaft genannt worden, die immer Gelegenheit gehabt hätte, mit mir über die Angelegenheit zu sprechen. Die Wahrheit ist, daß ich überhaupt nicht mit der Waldorfschul-Lehrerschaft bis zur Abhaltung dieses Vortrages hin über die Angelegenheit gesprochen habe. Es ist wieder ein Urteil gefällt worden, das mit den Tatsachen nicht stimmt. Man könnte ja glauben, weil ich selbstverständlich öfter zusammenkomme mit der Waldorfschul-Lehrerschaft, daß ich mit ihr öfter Gelegenheit gehabt hätte, über diese Angelegenheit zu sprechen. Allein bei solchen Zusammenkünften bilden, wie es naturgemäß ist, pädagogische und didaktische Probleme den Inhalt desjenigen, was verhandelt wird. Und vor allen Dingen bildet bei diesen Verhandlungen jedenfalls kein anthroposophischer Klatsch irgendwie einen Inhalt. Pflichtgemäß, sage ich, müssen diese Dinge betont werden, weil sie mit dem Wesen des anthroposophischen Wirkens zusammenhängen und weil wir ja jetzt gerade daran sind, das wenigstens herbeizusehnen, was das anthroposophische Wirken innerhalb der Anthroposophischen Gesellschaft zu einer gewissen Gesundung bringen kann. Selbstverständlich konnte ich verlangen, daß von maßgeblicher Seite, die dazu in der Lage war, gleich nach der Begründung der Bewegung für religiöse Erneuerung innerhalb der Anthroposophischen Gesellschaft die nötigen Aufschlüsse gegeben würden. Mir selbst fiel das nicht zu. Das kann derjenige am besten wissen, der in gebührender Weise meine Schlußworte gehört hat, die ich, nachdem die religiöse Erneuerung auf die Bahn geleitet war, gesprochen habe. Mir ist es immer sehr fatal, wenn ich gezwungen werde, von der Mitteilung der Tatsachen abzuweichen und solche Dinge auszusprechen, wie sie mir gestern abgenötigt worden sind. Allein in dieser Gegenwart wälzt sich mir die ganze Schwere desjenigen, was mit dem anthroposophischen Wirken verbunden ist, auf die Seele. Und wenn nicht in einem ausreichenden Maße zur Berichtigung gerade derjenigen Mißverständnisse beigetragen wird, die nicht so leicht bemerkt werden wie die groben, dann kommen wir im anthroposophischen Wirken doch eben nicht weiter. Und wir müssen weiterkommen im anthroposophischen Wirken, sonst müßte es selbstverständlich dabei bleiben, daß der Dornacher Bau abgebrannt ist. Ein Wiederaufnehmen der Arbeit hängt ganz und gar ab davon, daß die Anthroposophische Gesellschaft in sich erstarkt, daß sie sich vor allen Dingen von denjenigen Mißverständnissen freimacht, die an ihren Lebensnerv gehen. Und an ihren Lebensnerv geht es, wenn man zum Beispiel nicht beachtet, welches Prinzip darinnen liegt, gegenüber den Anforderungen des Zeitgeistes bei der Entwickelung der Bewußtseinsseele wirklich ehrlich in dem Sinne zu sprechen, wie ich dieses Sprechen für das wirklich Ethische unserer Zeit in meiner «Philosophie der Freiheit» angedeutet habe. Ich habe wahrhaftig dazumal mich nicht in leichter Weise jenem Vorwurf ausgesetzt, der von banausischer Seite selbstverständlich gefällt wird gegen das, was ich gegen die Gebotsethik vorgebracht habe. Aber jeder einzelne meiner Sätze — ich bemühe mich dessen immer - ist so geformt, daß er die Freiheit im Menschen streng achtet, selbst nur in bezug auf die Gedanken- und Empfindungsbildung, die in meiner «Philosophie der Freiheit» gemeint ist. Daher muß ich darauf aufmerksam machen, daß es deplaciert ist, im Zusammenhange mit einem solchen Vortrag, wie ich ihn am 30. Dezember 1922 gehalten habe, die Frage der Beeinflussung des Urteils der Mitglieder der Anthroposophischen Gesellschaft vorzubringen. Gewiß, bei vielen andern, bei reichlich andern Gelegenheiten kann das vorgebracht werden. Wenn es aber im Zusammenhang mit einem solchen Vortrag geschieht, dann ruft man Mißverständnisse hervor, weil man die Wahrheit zudeckt, die von mir als eine heilige erstrebt wird: daß niemandes Urteil beeinflußt werde gegenüber dem, was ich selber als ein Wichtigstes innerhalb der Anthroposophischen Gesellschaft zu sagen habe. Auch damit wollte ich ja nur meine Intentionen aussprechen, daß dasjenige, was der Formulierung dessen, was ich zu geben versuche, zugrunde liegt, immer darauf hinausläuft, niemandes Urteil zu beeinflussen. Daher braucht auch im Zusammenhang mit meinem Vortrag niemand davor gewarnt werden, sich dieses Urteil frei zu erhalten.
Cite:
GA 257/1923-01-30/p010 · edition original