{"corpus":"steiner","locus":"GA 257/1923-01-30/p021","lang":"de","edition":"original","edition_basis":null,"is_original":true,"is_default_edition":true,"text":"Daran können Sie ersehen, wie Anthroposophie, rein objektiv aus der Beobachtung des Geistigen, die Tatsachen holt, von denen sie spricht, wie nichts zunächst einfließt von subjektiver Willkür in die Behandlung dieser Tatsachen. Aber wenn wir diese Tatsachen haben, wirken sie nicht auf unser Gefühl, wirken sie nicht auf unsere Willensimpulse? Können wir bei Anthroposophie sagen, daß sie eine bloße Theorie sei? Wie theoretisch nimmt es sich aus, wenn wir bloß sagen, der Gegenwartsmensch ist der Mensch der Abstraktion und der Freiheit! Wie durchdrungen von künstlerischem Empfinden und religiöser Innigkeit wird es, wenn wir wissen lernen: Dasjenige, was uns als heutige Menschen in diesem Erdenleben die Freiheit und die Fähigkeit der Abstraktion gibt, das ist das, was durch die Pforte des Todes in entgegengeserzter Richtung von der, in welcher wir selbst gehen, wenn wir durch diese Pforte des Todes ziehen, aus himmlischen Welten in irdische hereingezogen ist. Wir ziehen durch das Tor des Todes hinaus in geistige Welten. Unsere Freiheit und unsere Abstraktionsfähigkeit ist ein himmlisches Geschenk, das hereingezogen ist in die irdischen Welten aus den übersinnlichen Welten. Das durchsetzt uns mit einem Erfühlen desjenigen, was wir als Menschen sind, indem es uns eben innig durchdringen kann mit dem Bewußtsein nicht nur, daß wir ein Geistiges in uns tragen, sondern woher wir dieses Geistige haben. Wir schauen hin auf den Tod und sagen: Was jenseits dieses Todes liegt, das hat eine ältere Menschheit in einer ganz bestimmten Weise nach dem Tode kennengelernt, es ist jetzt hereingezogen, und der Mensch der Gegenwart lernt es zwischen der Geburt und dem Tode kennen. —- Und indem so dieses Himmlische, die Intellektualität und die Freiheit, in das irdische Leben eingezogen ist, ist für die Menschheit ein anderes Aufblicken zur Göttlichkeit notwendig geworden, als das früher der Fall war. Und dieses andere Aufblicken zur Göttlichkeit ist für die Menschheit möglich geworden durch das Mysterium von Golgatha. Indem der Christus eingezogen ist in das irdische Leben, kann er heiligen dasjenige, was aus übersinnlichen Welten eingezogen ist und was sonst den Menschen zur Hoffart und zu allem möglichen verführen würde. In einer Zeit leben wir, wo wir einsehen müssen: Von dem Christus-Impuls muß durchdrungen werden dasjenige, was unser Heiligstes in diesem Zeitalter ist: die Fähigkeit, reine Begriffe zu fassen, und die Fähigkeit der Freiheit. Das Christentum ist nicht vollendet, das Christentum ist gerade dadurch groß, daß die einzelnen Entwickelungsimpulse der Menschheit nach und nach von diesem Christus-Impuls durchtränkt werden müssen. Der Mensch muß lernen, mit Christus rein zu denken, mit Christus ein freies Wesen zu sein, weil er sonst nicht in der rechten Weise dasjenige, was für ihn aus der übersinnlichen Welt in die sinnliche herübergezogen ist, im Zusammenhang mit der übersinnlichen Welt wahrnimmt. Hier stehen wir als Menschen, wenn wir auf uns selber schauen, und wissen als moderne Menschen: das Übersinnliche ist durch die Pforte des Todes in der Richtung entgegengesetzt jener, in der wir selber ziehen, wenn wir durch die Pforte des Todes gehen, in das irdische Leben hereingezogen. Das ist dasjenige, was in uns Menschen vor sich geht. Was in der Welt vor sich geht, ist, daß aus geistigen Höhen der Christus, die Geistsonne heruntergezogen ist in irdische Welten, damit dasjenige, was menschlich aus dem Übersinnlichen in das Sinnliche gezogen ist, sich finde mit dem, was kosmisch aus dem Übersinnlichen in das Sinnliche gezogen ist, auf daß der Mensch in der richtigen Weise sich zusammenfinde mit dem Geiste des Kosmos. Denn nur dann kann der Mensch in der richtigen Weise in der Welt stehen, wenn der Geist in ihm richtig den Geist außer ihm findet. Der Geist, der für die alte Menschheit jenseits des Todes gelebt hat, kann von der Menschheit der Gegenwart richtig nur in Besitz genommen werden im irdischen Leben, wenn der Mensch zugleich von demjenigen bestrahlt und beschienen wird, was als Christus auf die Erde herabgezogen ist aus jenen Welten, aus denen Rationalität und Intellektualität und Freiheit in das menschliche Leben zwischen Geburt und Tod herabgezogen sind.","text_trust":"verbatim","quote_safe":true,"title":"Zweiter Vortrag","site_heading":null,"date":"1923-01-30","location":null,"word_count":655,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/257/1923-01-30/p021","alignment_confidence":null,"alignment_reason":null,"two_voice_volume":false,"translation_credit":null,"edition_coverage":{"de":["original"],"en":["English"]},"available_versions":[{"lang":"de","edition":"original","edition_basis":null,"is_original":true,"is_default_edition":true,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/257/1923-01-30/p021"},{"lang":"en","edition":"English","edition_basis":null,"is_original":false,"is_default_edition":true,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/en/ga/257/1923-01-30/p021","paragraph_aligned":true}],"record":{"record_type":"unknown","scope":"volume","note":"How this text was taken down (shorthand transcript, listeners' notes or manuscript) is not on record here. 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