Neunter Vortrag
Jede Gemeinschaftsbildung läuft darauf hinaus, daß unter denjenigen, die sich zur Gemeinschaft zusammenschließen, ein höheres Geistig-Wesenhaftes waltet, das gewissermaßen aus geistigen Welten heruntersteigt und die Menschen zusammenbindet. Aber wir können ja, ich möchte sagen singulär, im einzelnen noch anderes finden, was im eminentesten Sinne wie ein gemeinschaftsbildendes Element auftreten kann unter einer Anzahl von Menschen. Die gemeinsame Sprache, sie bindet die Menschen, weil, was der eine sagt, in dem andern leben kann, weil also gleichzeitig ein Gemeinsames in mehreren Menschen leben kann. Aber stellen wir uns einmal folgendes vor: Eine Anzahl von Menschen, die gemeinsam ihre Kindheit und erste Schulzeit verlebt haben, finden sich durch irgendwelche Veranlassung — so etwas könnte ja eintreten, ist auch oftmals eingetreten und herbeigeführt worden - nach dreißig Jahren wieder zusammen. Sie kommen dazu, nun als ein kleines Häuflein vierzig- bis fünfzigjähriger Menschen, innerhalb dessen jeder einzelne die Kindheit mit dem andern in der Schule, in derselben Gegend verlebt hat, von dem zu sprechen, was sie in ihrer Kindheit und Jugend miteinander erlebt haben. Da lebt in ihnen etwas ganz Besonderes auf, etwas, was noch in diesem Augenblicke eine ganz andere Gemeinschaft ist als bloß die durch die Sprache herbeigeführte. Wenn eine Menschengruppe, welche die gleiche Sprache spricht, nun während des Beisammenseins eben in dem durch die Sprache herbeigeführten Verständnis der Seelen sich zuammenfindet, so ist dieses Zusammenfinden doch etwas verhältnismäßig Oberflächliches gegenüber dem andern, das eintritt, wenn man tief innen im Seelenzentrum dadurch gepackt wird, daß man in gemeinsamen Erinnerungen lebt. Jedes Wort bekommt sein besonderes Kolorit, seine besondere Färbung dadurch, daß es hinweist auf gemeinsam verlebte Kindheit, gemeinsam verlebte Jugend. Es geht dasjenige, was da für die Augenblicke einer solchen Zusammengehörigkeit Mensch an Mensch bindet, tiefer in das Seelische hinein. Man fühlt sich mit tieferen Organen an dasjenige gebunden, mit dem man da zusammen ist.
Cite:
GA 257/1923-03-03/p018 · edition original