Neunter Vortrag
Und in was ist man zusammen? In Erinnerungen ist man zusammen, in demjenigen, was vor Zeiten gemeinschaftlich erlebt worden ist. In eine Welt fühlt man sich hineinversetzt, die jetzt nicht mehr da ist, in der man gemeinschaftlich gelebt hat mit jenen andern, mit denen man jetzt beisammen ist. Das gilt für irdische Verhältnisse, es soll nur veranschaulichen. Aber es veranschaulicht eben gerade das Wesen des Kultus, denn was wird denn angestrebt beim Kultus? Der Kultus, ob er nun durch Worte, ob er durch Handlungen sich offenbart, gibt in der sinnlich-physischen Welt etwas wieder, was in ganz anderem Sinne als dasjenige, was wir in der äußeren natürlichen Umgebung haben, unmittelbar Abbild der geistigen Welt, der übersinnlichen Welt ist. Gewiß, jede Pflanze, jeder Vorgang in der äußeren Natur ist Abbild eines Geistigen, aber nicht so unmittelbar wie dasjenige, was man in einer Kultzeremonie oder in einem Kultworte, das in der richtigen Weise ausgesprochen wird, offenbart. Da ist die übersinnliche Welt unmittelbar in Wort oder Handlung hineingelegt. Darin besteht ja der Kultus, daß in der sinnlichen Welt Worte so gesprochen werden, daß die übersinnliche Welt unmittelbar in ihrer Wesenhaftigkeit anwesend ist, Handlungen so vollzogen werden, daß in diesen Handlungen die Kräfte der übersinnlichen Welt anwesend sind. Eine Kultzeremonie ist ja eine solche, wo etwas geschieht, was nicht bloß das bedeutet, was da zelebriert wird, wenn man es äußerlich mit den Augen anschaut, sondern es geht durch die gewöhnlichen physischen Kräfte etwas, was eben geistige Kräfte, übersinnliche Kräfte sind. Ein übersinnliches Geschehen vollzieht sich im sinnlichen Abbilde.
Cite:
GA 257/1923-03-03/p019 · edition original