Neunter Vortrag

GA 257/1923-03-03/p021 ·1923-03-03 · original (original)
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Nun ist es aber nicht möglich, daß diese Form der Sakramentengemeinschaft, also der Kultgemeinschaft, stehenbleibt für den modernen Menschen bei dem, was sie ist. Gewiß, für viele wird es heute noch so sein; aber die Kultgemeinschaft selber würde nicht ihren Wert, ihren rechten Wert haben, vor allen Dingen nicht ihr rechtes Ziel erreichen, wenn sie eben eine bloße Erinnerungsgemeinschaft an das übersinnliche Erleben bliebe. Daher ist ja auch immer mehr und mehr das Bedürfnis aufgetreten, hineinzubringen in den Kultus die Predigt. Nur ist bei der Ausbildung dieser Predigt, wie sie hervorgetreten ist in der neueren Zeit in den evangelischen Gemeinschaften, eben das Atomisierende so groß geworden, weil die wirklichen Bedürfnisse der Bewußtseinsseelenentwickelung im fünften nachatlantischen Zeitraum dabei eben nicht berücksichtigt worden sind. Die Predigt der älteren Kirchen ist durchaus aufgebaut auf den Bedürfnissen des vierten nachatlantischen Zeitraums. Die Predigt formt sich in den älteren Bekenntnissen aus der Weltanschauung des Verstandes- oder Gemütszeitalters heraus. Der moderne Mensch versteht das nicht mehr recht. Daher sind die evangelischen Bekenntnisse auch übergegangen zu der mehr auf die menschliche Meinung, auf die menschliche Bewußtseinserkenntnis gebauten Darstellung. Das ist auf der einen Seite etwas Vollberechtigtes. Auf der andern Seite ist wiederum die Form dafür noch gar nicht richtig gefunden. Die Predigt, die innerhalb des Kultus auftaucht, ist ja ein Herausfallen aus dem Kultus, ist ein Hinneigen vom Kultus aus zu der Erkenntnis. Aber wenig wird dem Rechnung getragen in der Form, welche die Predigt angenommen hat in der sich fortentwickelnden Menschheit. Ich brauche Sie nur an eines zu erinnern, so werden Sie das gleich einsehen. Rechnen Sie diejenigen Predigten der neueren Zeit ab, die nicht gebaut sind auf irgendein Bibeltextwort als Thema, so werden Sie sehen, wie wenig bleibt. Überall, bei Sonntagspredigten, bei Predigten für gewisse Anlässe, überall wird ein Bibeltextwort zugrunde gelegt, weil eben verleugnet wird die unmittelbare lebendige Offenbarung, die in der Gegenwart auch da sein kann. Aber es wird durchaus nur an das Historische angeknüpft. Also es wird zwar die individuelle Predigt gesucht, aber die Bedingung dafür ist nicht gefunden. Und so strömt eben die Predigt ein in die bloße menschliche Meinung, in die individuelle Meinung. Das aber atomisiert.

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Cite: GA 257/1923-03-03/p021 · edition original