Neunter Vortrag

GA 257/1923-03-03/p023 ·1923-03-03 · original (original)
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Nun kommen aber eben viele Menschen, wie ich Ihnen gesagt habe, zur Anthroposophischen Gesellschaft und wollen nicht nur die anthroposophische Erkenntnis in abstracto, sondern sie wollen auch in ihr, eben aus einem Drang der Menschen unseres Bewußtseinszeitalters heraus, Gemeinschaftsbildungen haben. Man könnte nun sagen: die Anthroposophische Gesellschaft könne ja auch einen Kultus pflegen. Gewiß, das könnte sie auch; das gehört aber jetzt auf ein anderes Feld. Ich will jetzt die spezifisch anthroposophische Gemeinschaftsbildung einmal ins Auge fassen. Es gibt eben durchaus noch etwas anderes im heutigen Menschenleben als dasjenige, was beruhen kann in bezug auf die Menschengemeinschaft auf einer gemeinsamen Erinnerung an die vor dem Erdendasein durchlebte übersinnliche Welt. Es gibt das, was heute wiederum gebraucht wird gerade auf die Art und Weise, wie es nur im Bewußtseinszeitalter sein kann. Da ist man genötigt, über etwas zu sprechen, was mit Bezug auf den modernen Menschen von den meisten heute noch ganz übersehen wird. Gewiß, man hat zu allen Zeiten von Idealismus gesprochen, aber heute ist der Idealismus, wenn von ihm gesprochen wird, auch bei den Gutmeinenden zumeist nichts anderes als Phrase, richtige Phrase. Denn es fehlt heute, in jenem Zeitalter, wo in der ausgebreiteten Zivilisation besonders stark die intellektualistischen Kräfte und Elemente aufgetaucht sind, es fehlt das Weltverständnis des ganzen Menschen. Gewiß, als Sehnsucht ist es insbesondere in der heutigen Jugend vorhanden. Aber gerade jene Unbestimmtheit, mit der es auftritt in der heutigen Jugend, zeigt, daß eben etwas lebt in den heutigen Menschenseelen, was noch nicht klar geworden ist, was noch undifferenziert ist, was nicht unnaiver wird, wenn es differenziert wird.

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Cite: GA 257/1923-03-03/p023 · edition original