Vierter Vortrag
Hingestellt wurden sie in zeremoniellen Bildern. Es lag ja durch die Jahrhunderte in der Religionsverbreitung das Wesentliche nicht etwa in der Predigt, sondern in der Zeremonie, in den Ritualien. Man war sich klar: Man kann nicht durch den Intellekt sprechen, der noch gar nicht in der heutigen Weise entwickelt war, sondern man mußte durch das Bild sprechen. Stellen Sie sich nur einmal vor, wie es noch im 14., 15. Jahrhundert zum Beispiel in christlichen Ländern war. Da war die Predigt nicht die Hauptsache, da war die Hauptsache die Zeremonie. Da war die Hauptsache, daß der Mensch sich einlebte in eine Welt, die ihm in mächtigen, grandiosen Bildern dargestellt war. Überall waren an den Wänden Fresken dargestellt, die ihm das geistige Leben nahebrachten: wie wenn ungefähr unser irdisches Leben bis an die höchsten Berge hinaufreichen könnte, da aber, wenn man nur noch ein wenig höhersteigen könnte, würde das geistige Leben beginnen. Bildhaft, zur Imagination gehend, oder in den hörbaren Harmonien des Musikalischen, oder aber, wenn gesprochen wurde, in der mantrischen, in der Gebetstorm, in der Formelform wurde eben von der geistigen Welt gesprochen. Diese Zeiten waren sich ganz klar darüber: Für die geistige Welt braucht man das Bild, nicht den Begriff, nicht dasjenige, worüber man diskutieren kann, sondern man braucht das Anschauliche, man braucht das Bildhafte. Man braucht dasjenige, was zu den Sinnen spricht, aber zu den Sinnen so spricht, daß durch das Sinnlich-Gegebene der Geist hindurchspricht.
Cite:
GA 258/1923-06-13/p019 · edition original