Vierter Vortrag
Nun, sehen Sie sich nur alles das an, was die Geschichte an Christentum heraufgebracht hat. Es ist die größte Unehrlichkeit, wenn heute die modernen Theologen dieses Christentum in irgendeiner Weise rationalistisch deuten wollen. Es ist unmöglich, dieses Christentum rationalistisch zu deuten. Man kann nicht dieses Christentum, dieses Mysterium von Golgatha und ihren Träger rationalistisch deuten, man muß von Spiritualität sprechen, wenn man von Christus sprechen will. Man muß von einer geistigen Welt sprechen, wenn man von Christus sprechen will. Man kann gar nicht an das ganz Gewisse, daß zwei mal zwei vier ist, und an seine fünf Sinne nur glauben und dann ehrlicherweise noch von Christus sprechen. Das kann man eben nicht, so daß es eben in dem tiefsten Seeleninnern der modernen Menschen so aussah, daß sie keine Möglichkeit hatten, aus dem, was nun einfach ihre Schulbildung ist, den Christus zu verstehen, zu begreifen. Denn der Rationalismus und Intellektualismus hat den Menschen die spirituelle Welt genommen. Es ist zwar der Christusname, die Christustradition geblieben, aber ohne ihre Atmosphäre, ohne daß der Christus erscheint als Geist unter Geistern, als eine geistige Wesenheit in einer geistigen Welt. Denn die Welt, die die moderne Astronomie, Biologie, Naturwissenschaft gebracht hat, ist eine ungeistige Welt.
Cite:
GA 258/1923-06-13/p024 · edition original