{"corpus":"steiner","locus":"GA 261/1923-06-29","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/261/1923-06-29","ga":"261","lecture":"1923-06-29","lecture_number":null,"title":"Ansprache Bei Der Kremation Von Hermann Linde","site_heading":null,"date":"1923-06-29","location":null,"lang":"de","edition":"original","edition_basis":null,"is_original":true,"is_default_edition":true,"passage_count":55,"word_count":5925,"translation_credit":null,"witnesses":[{"lang":"de","edition":"original","is_original":true,"is_default_edition":true,"first_passage":1,"last_passage":55,"passage_count":55,"word_count":5925},{"lang":"en","edition":"English","is_original":false,"is_default_edition":true,"first_passage":1,"last_passage":55,"passage_count":55,"word_count":6276,"completeness":{"ratio":1.06,"band":"comparable","note":null}}],"record":{"record_type":"unknown","scope":"volume","note":"How this text was taken down (shorthand transcript, listeners' notes or manuscript) is not on record here. Unknown is not an assurance of a stenogram: check the edition's own notes before resting an argument on one word.","evidence":null,"evidence_translation":null,"evidence_source":null},"passages":[{"locus":"GA 261/1923-06-29/p001","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/261/1923-06-29/p001","passage_number":1,"word_count":8,"text":"## GA 261 — 29 June 1923, Basel"},{"locus":"GA 261/1923-06-29/p002","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/261/1923-06-29/p002","passage_number":2,"word_count":8,"text":"### Ansprache Bei Der Kremation Von Hermann Linde"},{"locus":"GA 261/1923-06-29/p003","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/261/1923-06-29/p003","passage_number":3,"word_count":3,"text":"Meine liebe Trauergemeinde!"},{"locus":"GA 261/1923-06-29/p004","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/261/1923-06-29/p004","passage_number":4,"word_count":59,"text":"Nachdem das priesterliche Geleitwort unseren lieben Freund begleitet hat in die Reiche des Lichtes, sei gesprochen aus den Herzen derer, mit denen unser lieber Freund innigst verbunden war, an seine liebe Gattin, Tochter und an Euch, liebe Freunde, die Ihr mit Hermann Linde so eng verbunden waret, seien diese Worte gesprochen, die nachklingen mögen der Seele unseres teuren Freundes:"},{"locus":"GA 261/1923-06-29/p005","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/261/1923-06-29/p005","passage_number":5,"word_count":153,"text":"> Deiner Seele sanfter Flügelschlag  \n> Trug Dich, lieber Freund, in Geistesbahnen,  \n> Deines Schicksals ernste Führerhand  \n> Bracht’ das Geistes-Wort zu Deinem Ahnen.\n> Mancher Zweifel trat in Deinen Weg,  \n> Doch des Herzens Kraft, sie fand  \n> Sich durch Lebenslicht und Daseins-Schatten  \n> Zum Gedankenziel im Geistesland.\n> Und so schaue, treue Freundesseele,  \n> In der vollen Geisteswirklichkeit,  \n> Was Dir sinnvoll leuchtend vorgeschwebt  \n> Als die Zukunft nach der Erdenzeit.\n> Und am Lebensabend noch mußtest Du  \n> Tief im Seelen-Innern unsern großen Schmerz  \n> us der Flamme furchtbar leuchten sehn;  \n> Für das Erdendasein brach es Dir das Herz.\n> Deiner Gattin ernste Herzensliebe,  \n> Sie wird folgen Deinem Geistesleben;  \n> Deiner Tochter treu Gedenken  \n> Soll bewahren Dein edles Streben.\n> Und wir, Dir geistverbunden im Erdensein,  \n> Wir, die wir zum neuen Leben Dich geleiten,  \n> Wollen geistgeeint bei Dir verweilen  \n> In Zukunftzeiten und in Weltenweiten."},{"locus":"GA 261/1923-06-29/p006","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/261/1923-06-29/p006","passage_number":6,"word_count":99,"text":"Liebe Trauergemeinde! Unser teurer Freund hat sich als einer der ersten unserer geistigen Gemeinschaft in herzlicher Innigkeit angeschlossen. Und wir lernten sein liebes, gutes Herz, sei es in einer so wirksam vollbrachten, uns allen heiligen Arbeitspflicht, sei es im Nebeneinandergehen in der Bekennerschaft zu unserer geistigen Erkenntnis, wir lernten dieses gute, liebe Herz kennen, wir lernten es schätzen, und wir sollen wissen, mit ihm verbunden zu bleiben, auch nachdem unser physisches Auge in sein physisches Auge nicht mehr schauen kann. Und so schaue denn in Zukunft unser Seelenauge, seiner in aller Herzlichkeit und Liebe gedenkend, in sein liebes Geistesauge."},{"locus":"GA 261/1923-06-29/p007","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/261/1923-06-29/p007","passage_number":7,"word_count":60,"text":"Liebe Freunde! Hermann Linde hat auf seinem ernsten Wege zum Geistesforschen manchen Zweifel, manches andere Seelenhemmnis an dem Wege gefunden. Aber er hat eine geistgeneigte, eine seelenwarme innere Herzenskraft besessen. Sie hat ihn hingeleitet mit starker innerer Macht zu demjenigen, was er dann gefunden hat als sein Geisteswort, seine Geistes-Erkenntnis, in der wir in inniger Freundschaft mit ihm verbunden waren."},{"locus":"GA 261/1923-06-29/p008","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/261/1923-06-29/p008","passage_number":8,"word_count":80,"text":"Man möchte sagen, mit den drei Epochen des anthroposophischen Lebens ist Hermann Linde in Treue gegangen. Zunächst hat er es gefunden, dieses geistige Leben. Dann kamen die Zeiten, wo er als einer der Wirksamsten, der Hingebungsvollsten, der Opferfreudigsten in München mitgearbeitet hat an unseren Festes-Mysterienspielen, die mit anderen zusammen auch sein Werk waren. Von wie vielem, meine lieben Freunde, müssen wir sagen: In der Zeit, in der wir es zu arbeiten hatten, wäre es ohne Hermann Linde nicht zustande gekommen."},{"locus":"GA 261/1923-06-29/p009","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/261/1923-06-29/p009","passage_number":9,"word_count":76,"text":"Und dann, als der Ruf kam, auf dem Dornacher Hügel das uns allen so teure, auch gestorbene Goetheanum zu erbauen, war er wieder einer der ersten, der ratend, helfend alles dasjenige, was er hatte: seine Kunst, sein Sein dem Werke zum Opfer brachte. Wir haben es gesehen, wie Hermann Linde, herausgewachsen aus künstlerischer Lebenstätigkeit, zuletzt all das, was er in der Kunst zu geben vermochte, hineinopferte in dasjenige Werk, mit dem er sich ganz verbunden hatte,"},{"locus":"GA 261/1923-06-29/p010","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/261/1923-06-29/p010","passage_number":10,"word_count":47,"text":"Und wer Menschentreue und Menschenhingebung zu schätzen vermag und zu lieben vermag, der konnte wohl nicht anders, als mitarbeitend, mitlebend mit Hermann Linde, die stille, sanfte und doch so tatkräftige Seele schätzen und bewundern und sie als die teuerste Freundesseele fühlen, die auf unserem Geisteswege mitgegangen wat."},{"locus":"GA 261/1923-06-29/p011","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/261/1923-06-29/p011","passage_number":11,"word_count":50,"text":"Viele der Stunden treten vor mein Seelenauge, in denen ich Hermann Linde arbeitend, arbeitend an der Seite seiner lieben Gattin, unserer Freundin, oben in der Kuppel des Goetheanum traf, und in denen er sein Bestes in das Werk hineinopferte, dessen Untergang er und wir in so tiefem Schmerze erleben mußten."},{"locus":"GA 261/1923-06-29/p012","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/261/1923-06-29/p012","passage_number":12,"word_count":38,"text":"Und wenn man Hermann Linde sah still wirken in seinem Atelier, ganz hingegeben dem Goethe-Gedanken, alles, was er empfinden konnte als Künstler, hineingeheimnissend in diesen Goethe-Gedanken, dann wußte man: Das war einer der Besten, die unter uns wirken."},{"locus":"GA 261/1923-06-29/p013","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/261/1923-06-29/p013","passage_number":13,"word_count":123,"text":"Liebe trauernde Freunde, so steht Hermann Linde vor uns. Aber wir mußten ihn auch begleiten so, daß wir immer an ihm sahen, wie eine starke, eine viel wollende Seele doch in einem schwachen Körper lebte. Und dieser schwache Körper hat für uns alle Hermann Linde früh, viel zu früh von uns hinweggenommen: dieser schwache Körper, von dem diejenigen, die intimer mit Hermann Linde verbunden waren, wußten, daß alles, was an Hemmnissen in Hermann Lindes Leben stand, was sogar an Zweifel in ihm auftauchte, was manchmal die Intentionen der Arbeit nicht zur vollen Geltung kommen ließ, von ihm herrührte. Diejenigen, die intim Hermann Linde nahestanden, wußten, daß die Seele groß war, und daß er selber oftmals eine innere Tragik durch seinen schwachen Körper fühlte,"},{"locus":"GA 261/1923-06-29/p014","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/261/1923-06-29/p014","passage_number":14,"word_count":156,"text":"Aber gerade deshalb war sein Platz in einer Geistgemeinschaft, die hinauszublicken vermag über alles das, was nur die physisch-irdische Sinnlichkeit gibt, die hinaufzublicken vermag zu demjenigen, was als überirdisches Können die geistig wollende Seele als ihr großes Ziel ersehnt und erhofft. Und in intimer Freundschaft mit Hermann Linde ging einem oftmals der Gedanke auf: Magst du selbst dir sagen, daß nicht alles, was du willst, dir in deinem Erdendasein gelingt, du darfst dich trösten, daß in Geistesregionen dein über das Irdische hinauswollendes Wollen erkraftet und erstarkt, und daß du all dasjenige der Erde zu geben vermagst, was du ihr gerne geben möchtest. — Wir aber mußten uns sagen: Wir dürfen solche Ansprüche nicht machen, wie Hermann Linde sie an sich selber machte. - Und wir waren mit dieser in so milder, stiller Weise wirkenden Seele wahrhaftig immer im Innersten in voller Zufriedenheit einig. Wir wußten zu schätzen, was dieser als einer der Besten für uns wirkte."},{"locus":"GA 261/1923-06-29/p015","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/261/1923-06-29/p015","passage_number":15,"word_count":103,"text":"Und Vorbild, meine liebe Trauergemeinde, kann Hermann Linde für viele sein. Er hat gerungen im stillen Inneren, gerungen mit ernster Kraft, sich durchgerungen mit feierlicher Würde über alle Zweifel, über alle Hemmungen hinaus zu derjenigen Erkenntnis, die dem Menschen die Sicherheit bringt: Das, was du lebst auf Erden, es stammt aus göttlichen Daseinshöhen. — Aber Hermann Linde wußte zu schätzen die Heiligkeit der göttlichen Daseinshöhen, Hermann Linde wußte zu durchschauen, welche Geheimnisse bergen diese göttlichen Daseinshöhen, und er wußte es daher, wie wenig in das Menschenbewußtsein des Erdendaseins eingeht von demjenigen, was wir aus himmlischen Höhen durch irdische Geburt hereintragen in dieses Dasein."},{"locus":"GA 261/1923-06-29/p016","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/261/1923-06-29/p016","passage_number":16,"word_count":65,"text":"Zwar aus Gott sind wir alle geboren zum irdischen Leben. Doch während dieses irdischen Lebens entfällt dem dünnen menschlichen Bewußtsein das Durchdrungensein mit der göttlichen Kraft. Und wiederfinden kann nur in diesem mit irdischem Bewußtsein erlebten Tode die göttliche Kraft die starke Seelenmacht, die sich verbunden fühlt mit dem Impulse des Christus, wiedergebären, wiedererstehen lassen kann den Gott in der Menschenbrust die Verbundenheit mit Christus."},{"locus":"GA 261/1923-06-29/p017","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/261/1923-06-29/p017","passage_number":17,"word_count":202,"text":"Und so fühlte Hermann Linde. Wie er wußte, daß er hereingeleitet ist aus Gottesdasein ins Erdendasein, so wußte er, daß im Erdentode der Erwecker Christus lebt, mit dem die Menschenseele, das Menschenherz sich verbinden kann. Und so schauen wir heute in dieser ernsten Stunde mit Dir, geliebte Seele, hinauf in geistige Regionen, wissend, daß dem, der im Erdendasein sich bewahrt das Bewußtsein von göttlicher Herleitung, der für das Erdenbewußtsein sich erobert das Durchdrungensein mit der Christus-Kraft, daß der wiedererweckt wird, wiedererstehen wird in hellen, lichten Geisteshöhen. Dahin, liebe Freundesseele, geleiten Dich sehnsüchtig unsere Freundesblicke aus tiefstem Herzensinnern heraus. Dahin wollen wir Dir folgen lassen unsere besten Gedanken, die mit Dir verbunden waren. Wir wissen Dich in Zukunft in Geisteshöhen. An uns wird es sein, wieder und immer wiederum aus unserem tiefsten Herzensfühlen heraus zu suchen die Gedanken, die zu Dir gehen, die sich vereinigen mögen mit Deinen Zielgedanken in lichten Geisteshöhen, die da bleiben wollen bei Dir für alle Zeiten, die Du zu durchwandeln für alle Weltenweiten, die Du zu durchwellen haben wirst. Ja, bei Deinen Gedanken mögen sein unsere Gedanken, heraus aus der Erdenarbeit, die wir fühlen konnten, mit der Du uns geistverbunden durch Deine eigene Wahl in diesem Erdenleben warst."},{"locus":"GA 261/1923-06-29/p018","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/261/1923-06-29/p018","passage_number":18,"word_count":60,"text":"Dem Geistverbundenen mögen, meine liebe Trauergemeinde, Eure Gedanken immerdar folgen in seinen künftigen erdenfreudigen, zu neuem Erdendasein lichtesvoll sich bereitenden Daseinsstufen. So möge es geschehen. Und so mögen Dir folgen unsere Gedanken, mögen sie bei Dir bleiben, unser lieber Hermann Linde, und mögen wir verstehen, bei Dir zu bleiben, auch dann, wenn unsere Seele Dich suchen muß in lichten Geisteshöhen."},{"locus":"GA 261/1923-06-29/p019","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/261/1923-06-29/p019","passage_number":19,"word_count":153,"text":"> Deiner Seele sanfter Flügelschlag  \n> Trug Dich, lieber Freund, in Geistesbahnen,  \n> Deines Schicksals ernste Führerhand  \n> Bracht’ das Geistes-Wort zu Deinem Ahnen.\n> Mancher Zweifel trat in Deinen Weg,  \n> Doch des Herzens Kraft, sie fand  \n> Sich durch Lebenslicht und Daseins-Schatten  \n> Zum Gedankenziel im Geistesland.\n> Und so schaue, treue Freundesseele,  \n> In der vollen Geisteswirklichkeit,  \n> Was Dir sinnvoll leuchtend vorgeschwebt  \n> Als die Zukunft nach der Erdenzeit.\n> Und am Lebensabend noch mußtest Du  \n> Tief im Seelen-Innern unsern großen Schmerz  \n> us der Flamme furchtbar leuchten sehn;  \n> Für das Erdendasein brach es Dir das Herz.\n> Deiner Gattin ernste Herzensliebe,  \n> Sie wird folgen Deinem Geistesleben;  \n> Deiner Tochter treu Gedenken  \n> Soll bewahren Dein edles Streben.\n> Und wir, Dir geistverbunden im Erdensein,  \n> Wir, die wir zum neuen Leben Dich geleiten,  \n> Wollen geistgeeint bei Dir verweilen  \n> In Zukunftzeiten und in Weltenweiten."},{"locus":"GA 261/1923-06-29/p020","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/261/1923-06-29/p020","passage_number":20,"word_count":4,"text":"29 June 1923, Dornach"},{"locus":"GA 261/1923-06-29/p021","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/261/1923-06-29/p021","passage_number":21,"word_count":91,"text":"Heute morgen haben wir unserem lieben Freund, Hermann Linde, das Geleite zu geben gehabt zu dem Tore, durch das er nunmehr in die geistige Welt eintreten wird. In einem solchen Augenblicke ist es, meine lieben Freunde, an uns, auch in einem tieferen, moralisch-religiösen Sinne und in einem tieferen Gefühls- und EmpfindungsSinne praktisch wahr zu machen, was Anthroposophie in unseren Seelen auslösen kann, wozu Anthroposophie unsere Seelen impulsieren kann. Es ist ja unser ganzes Streben, die geistige Welt kennen zu lernen, zu lernen, in der Seele mit der geistigen Welt zu leben."},{"locus":"GA 261/1923-06-29/p022","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/261/1923-06-29/p022","passage_number":22,"word_count":196,"text":"In dem Augenblicke, wo eine teure Seele hinweggeht aus dem physischen Dasein und eingeht in jenes Leben, um dessen Erkenntnis wir uns bemühen, müssen wir auch die Kraft und die Stärke fühlen, all das in vollem Sinne des Wortes aufrecht zu erhalten, was sich in uns eingewurtzelt haben sollte während jener Zeit, während welcher wir hier auf Erden mit einer solchen Seele, die von uns nunmehr hinweggegangen ist, geistverbunden worden sind. Und wir sollten im rechten Sinne verstehen lernen, jene Gemeinschaft, zu der wir uns zusammengefunden haben, zu erhalten hinaus über diejenigen Bande, die durch das Erdenleben geflochten werden. Wir sollten warm jene Liebe halten können, welche uns mit solchen Seelen verbindet auch dann, wenn jene Wärme der Empfindung nicht durch äußere Impulse so angefacht werden kann, wie wenn die betreffende Seele noch im physischen Leibe unter uns wandelt. Dann erst haben die Empfindungskräfte, die in uns durch Anthroposophie ausgelöst werden können, die rechte Stärke, wenn wir das können. Wir sollen auch die Erinnerungen an einen teuren Toten in anderer Weise noch lebendig halten können als derjenige, der nicht Geist-Erkenntnis in das Innere seiner Seele so aufgenommen hat, wie wir es uns zu unserem Ziele setzen."},{"locus":"GA 261/1923-06-29/p023","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/261/1923-06-29/p023","passage_number":23,"word_count":139,"text":"Und Hermann Linde ist ja durch viele schöne Erinnerungen an unsere Seelen gebunden. Eine große Zahl derer, die hier sitzen, wissen das ohne Zweifel, manche vielleicht in loserer Art. Aber Hermann Linde war eine Persönlichkeit, von der gesagt werden darf, daß auch derjenige, der sie nur kurz gekannt hat, sie lieb gewonnen hat. Diejenigen, die länger innerhalb unserer Gesellschaft sind, kennen Hermann Linde als einen der ersten, die hereingekommen sind in diese Gesellschaft, um mit den anderen in ihr vereinigten Freunden einen gemeinsamen Geistesweg zu gehen. Und solche, die Hermann Linde intimer kennen gelernt haben, wissen, daß er zu denen gehörte, die nicht etwa in einer bloß übersprudelnden Empfindung, in einer innerseelischen Sensation sich diesem Geistesweg angeschlossen haben, sondern er hat aus innetster Selbsterkenntnis heraus erstrebt, die Möglichkeit zu finden, seinen Weg mit dem Weg dieser Geistesströmung zu vereinigen."},{"locus":"GA 261/1923-06-29/p024","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/261/1923-06-29/p024","passage_number":24,"word_count":218,"text":"Hermann Linde war eine milde Natur, aber eine Natur, die innerhalb der Milde ihrer Seele auch einen starken, berechtigten kritischen Geist hatte, eine Natur, die prüfte, was ihr entgegentrat, und eine Natur, die deshalb prüfen mußte, weil andere Eindrücke, die schon da waren, in einer starken Weise in der Seele haften geblieben sind. Und so hatte Hermann Linde zwischen dem, was in seiner Seele lebte, was seine Seele durchwärmte, was seine Seele oftmals auch mit herben Zweifeln erfüllte auf der einen Seite, und mit dem, was ja, weil es gar so sehr abweicht von allem übrigen, das man in der Gegenwart antrifft, auf der andern Seite mit Anthroposophie an die Seelen herangebracht wird, er hatte mit diesen beiden Strömungen seine Seelenkämpfe auszukämpfen. Und wir dürfen heute, wo sein Erdenleben abgeschlossen ist, also auf dasselbe zurückblicken, daß wir uns sagen können: Wenn eine solch edle, milde, aber innerlich ernste Seele nicht aus übersprudelnder Empfindung, sondern aus innerlich sich selbst getreuer Selbsterkenntnis den Weg in diese Geistesströmung gefunden, dann ist das etwas, was diese Geistesströmung so ansehen darf, daß es für sie selbst gewissermaßen ein ihre innere Kraft erhärtendes Zeugnis ist. -— Eine Bewegung, die in der Lage ist, darauf hinzudeuten, daß gute Menschen die Möglichkeit fanden, sich mit ihr zu vereinigen, darf sich das im schönsten Sinne zugute halten."},{"locus":"GA 261/1923-06-29/p025","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/261/1923-06-29/p025","passage_number":25,"word_count":122,"text":"Und es war ja unsere anthroposophische Bewegung in ihrer ersten Periode so, daß sie zunächst aus der Natur der Tatsachen heraus nichts anderes sein konnte als eine Stätte, in der die Seelen sich selbst und ihren Zusammenhang mit der geistigen Welt fanden. Gegenüber den Aufgaben, die in späterer Zeit die anthroposophische Bewegung hat übernehmen müssen, ist ja wohl mancher, der zu den älteren Mitgliedern gehört, und der sich sagt: Ach, wäre es nur immer so geblieben, wäre die anthroposophische Bewegung in jener ersten Epoche stehen geblieben, in der im Grunde genommen sie eine Versammlung von Menschen war, die als Menschen miteinander zu tun hatten, die einen innerlich geschlossenen Verein bildeten, der zunächst hinsah auf dasjenige, was als geistige Strömung durch ihn floß."},{"locus":"GA 261/1923-06-29/p026","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/261/1923-06-29/p026","passage_number":26,"word_count":72,"text":"Hermann Linde hat voll mit seiner eigenen Seele dieses zu vereinigen gewußt, was als solche geistige Strömung durch die Anthroposophische Gesellschaft fließt; aber er gehörte auch zu denen, die mit offenem Herzen und mit einer unbegrenzten Opferbereitschaft sich jeder neuen Aufgabe widmeten, die durch diese geistige Bewegung an sie herantrat. Und für viele, die in diese geistige Bewegung hereintreten, sollte es so werden, daß sie hinschauen auf das Vorbildliche einer solchen Persönlichkeit."},{"locus":"GA 261/1923-06-29/p027","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/261/1923-06-29/p027","passage_number":27,"word_count":213,"text":"Hermann Linde ist als Künstler in die anthroposophische Bewegung hereingetreten. Er hat sein ganzes künstlerisches Sein zunächst in den Dienst dieser Bewegung gestellt und dann in der dritten Phase dieser Bewegung auf dem Altare derselben hingeopfert. Wir blicken zurück, weil es uns wert sein muß, was durch die innerhalb unserer Bewegung arbeitenden Persönlichkeiten geschehen ist, auf jene Zeit, wo in einer von rechter Innerlichkeit durchtränkten Art in München die anthroposophische Bewegung in das künstlerische Fahrwasser hineingeleitet werden mußte. Wir brauchten zunächst Menschen, welche Künstlerisches in sie einfließen lassen konnten. Und nun möchte ich diejenigen unter Ihnen, die sich an die Münchner Mysterien-Vorstellungen erinnern, in ihrer innersten Seele anrufen, dessen zu gedenken, wie wunderbar geschlossen jene Bühnenbilder waren, die zu einzelnen Szenen dieser Mysteriendramen Hermann Linde aus seiner, ich möchte sagen selbstverständlichen Opferwilligkeit beigesteuert hat. Manchen von denen, die anwesend waren bei jenen Vorstellungen, werden diese Bilder unvergeßlich sein, denn sie entstanden aus einem wirklichen Erleben dessen, was damals vor die Seelenaugen unserer Anthroposophen treten sollte. Und das Wort, das ich heute morgen aus tief bewegtem Herzen aussprach, ich möchte es hier wiederholen: Wir wissen sehr gut, daß vieles von dem, was dazumal hat gemacht werden sollen, ohne eine solche Beihilfe, wie diejenige war, die von Hermann Linde kam, nicht hätte gemacht werden können."},{"locus":"GA 261/1923-06-29/p028","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/261/1923-06-29/p028","passage_number":28,"word_count":72,"text":"Und als dann in einzelne Seelen die Idee kam, der anthroposophischen Bewegung einen eigenen Bau zu errichten, da war es wiederum eine Selbstverständlichkeit, in den Kreis derer, die vor allen Dingen ihre Arbeit der Errichtung und Führung dieses Baues widmen wollten, Hermann Linde hereinzurufen, denn man wußte, da findet man Opferwilligkeit, da findet man Arbeitsgeneigtheit, da findet man vor allen Dingen das, was am allermeisten gebraucht wird: versöhnenden, liebevollen, Gegensätze ausgleichenden Geist."},{"locus":"GA 261/1923-06-29/p029","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/261/1923-06-29/p029","passage_number":29,"word_count":82,"text":"Und so trat denn Hermann Linde in die kleine Gemeinschaft derjenigen, die als eine Art Komitee alles das leiteten, was zunächst mit der Absicht in München, dann mit der Wirklichkeit hier in Dornach zusammenhing: einen Bau der anthroposophischen Sache aufzurichten. Und er war dann auch einer der Vordersten in den Reihen derer, welche die Arbeit an diesem Bau übernahmen. Er war von solcher inneren Liebe zur Sache durchdrungen, daß er sein ganzes Dasein nunmehr in den letzten Jahren mit diesem Bau verband."},{"locus":"GA 261/1923-06-29/p030","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/261/1923-06-29/p030","passage_number":30,"word_count":121,"text":"Und wiederum möchte ich ein Wort, das ich heute morgen ausgesprochen habe, wiederholen: Wenn ich zurückdenke an die Stunden, in denen ich Hermann Linde traf, arbeitend oben in unserem nun nicht mehr bestehenden Kuppelraum, arbeitend im Einklang mit unserer lieben Freundin, seiner Gattin, wenn ich da oben mit ihm die verschiedensten Angelegenheiten besprach, die mit der Führung des Baues zusammenhingen und mit dem Amte, das er innerhalb dieser Führung hatte, dann lag in alledem erstens die Offenbarung seiner unbegrenzten Opferwilligkeit, der unbegrenzten Einstellung seines künstlerischen Könnens in das, was da errichtet werden sollte, und da war auch auf der andern Seite jener versöhnende, die Gegensätze ausgleichende Geist, der immer früher mit einem Rate, als mit einer Kritik bei der Hand war."},{"locus":"GA 261/1923-06-29/p031","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/261/1923-06-29/p031","passage_number":31,"word_count":132,"text":"Es hat mancher gedacht, daß entweder er selber oder andere - wie das immer im Leben der Fall ist - das, was Hermann Linde gemacht hat, hätte besser machen können. Aber diese Dinge sind eitel Illusion. Worauf es ankommt, wenn etwas Wirkliches in die Welt gesetzt wird, das liegt vielmehr in dem, was Hermann Linde in einem so hervortragenden Maße hatte, als in dem, was manche glaubten, daß er es nicht hatte. Mit demjenigen, was oftmals kritisiert worden ist, hätte sich eben nicht arbeiten lassen. Mit dem, was Hermann Linde in einer so opferwilligen, liebevoll aussöhnenden Weise an unsere Arbeit heranbrachte, ließ sich in jeder Einzelheit und im Ganzen arbeiten. Und wenn von den Arbeitern innerhalb unserer Sache die Rede sein soll, dann muß Hermann Linde in der ersten Reihe genannt werden."},{"locus":"GA 261/1923-06-29/p032","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/261/1923-06-29/p032","passage_number":32,"word_count":82,"text":"Dann aber darf auch nicht verschwiegen werden, wie groß unser Schmerz darüber sein muß, daß er uns für eine ernste Zeit, die ohne Zweifel für uns kommt, so früh aus dem Erdendasein entschwunden ist. Aber er war ja mit alledem, was uns hier im Erdendasein obliegt, so innig verbunden, daß wir die Hilfe, welche die Seelen aus Geisterlanden leisten können für diejenigen, die hier zurückgeblieben sind, von ihm im allergrößten Maße erhoffen dürfen, wenn wir uns nur auch würdig erweisen dieser Hilfe."},{"locus":"GA 261/1923-06-29/p033","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/261/1923-06-29/p033","passage_number":33,"word_count":89,"text":"Viele wissen nicht, wie umfassend die Sorgen im einzelnen waren, die gerade auf den führenden Persönlichkeiten in den letzten Jahren während des Dornacher Baues lasteten. Heute ist es selbstverständlich, hinzuweisen darauf, daß Hermann Linde einer derjenigen war, die in schönster Weise diese Sorgen mitgetragen haben, daß Hermann Linde aber auch einer derjenigen war, die mit einem weitherzigen Interesse alles das verfolgt haben, was hier geschah, und die gern gesehen hätten, daß manches gerade durch Ausgleichung der Gegensätze sich zu größerer Fruchtbarkeit entwickele, als es sich hat bisher entwickeln können."},{"locus":"GA 261/1923-06-29/p034","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/261/1923-06-29/p034","passage_number":34,"word_count":182,"text":"Viele von uns werden sich erinnern, wie Hermann Linde immer wieder und wiederum unter denen war, die das innige Bestreben hatten, eine Vereinigung der Künstlerschaft hier unter uns zu bewirken. Er war gewiß nicht ein Mensch, der irgend eine individuelle Betätigung ausgeschlossen oder beengt hätte. Er wollte aus der unendlichen Güte seines Herzens ein Zusammenwirken gestalten. Und manches, was in dieser Richtung hat geschehen können, ist auf seine Initiative zurückzuführen. Und daß mancher Keim, den er in dieser Beziehung gelegt hat, nicht zur vollen Entfaltung gekommen ist, ist wahrhaftig nicht auf seinen mangelnden Eifer zurückzuführen. Gedenken wir nur, mit welch inniger Liebe und Hingabe er jedesmal bei den Versammlungen des Goetheanum-Vereines hier in diesem Saale über den Fortschritt der künstlerischen Arbeiten an unserem Goetheanum Bericht erstattet hat. Gedenken wir solcher Dinge als dessen, was mit der Geschichte unserer Bewegung innigst zusammenhängt. Nicht vergessen darf gerade in diesem Augenblicke werden, daß Hermann Linde es zum Beispiel war, der die Anregung gegeben hat zu jener kleinen Fortbildungsschule, die hier am Goetheanum errichtet ist, daß er seine besondere Sorge und Sorgfalt dieser Fortbildungsschule gewidmet hat."},{"locus":"GA 261/1923-06-29/p035","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/261/1923-06-29/p035","passage_number":35,"word_count":77,"text":"Damit bezeichne ich aber nur eine der Lücken, deren viele sind, die durch Hermann Lindes Hinweggang vom Physischen in uns, in unseren Reihen entstehen. Und was uns Hermann Linde war, werden diejenigen empfinden, denen die Aufgabe wird zufallen, in irgend einer Weise diese Lücken auszufüllen. Denn was man auf gewissen Gebieten des Lebens so leicht nimmt, daß wo irgend eine Lücke dutch einen Menschen entsteht, ein anderer eintritt, das ist ja in Wirklichkeit gar nicht der Fall."},{"locus":"GA 261/1923-06-29/p036","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/261/1923-06-29/p036","passage_number":36,"word_count":115,"text":"Und zuletzt hat Hermann Linde mit uns jenen Schmerz durchmachen müssen, der unsere und seine Arbeit betroffen hat. Er mußte unter denjenigen stehen, die in kurzer Zeit das, was aus Liebe und Hingebung erbaut worden ist, zur Ruine haben hinschwinden schen. Und es ist wirklich in tiefstem Sinne wahr, was ich heute morgen sprechen mußte, daß für das Erdendasein ihm dieses das Herz gebrochen hat. Dieser Eindruck, der in der Neujahrsnacht erlebt worden ist und der für vieles, was unsere Sache ist, ein Tod war, war tief brennend in Hermann Lindes Seele. Und die kurze Spanne Zeit, die ihm auf Erden zuzubringen noch gegönnt war nach dem Goetheanum-Brande, stand ganz und gar unter diesem Eindrucke."},{"locus":"GA 261/1923-06-29/p037","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/261/1923-06-29/p037","passage_number":37,"word_count":139,"text":"Die letzte Zeit, die er hier zugebracht hat im Erdendasein, war eine Leidenszeit. Er hat auch tief im innersten Herzen mitgefühlt alles, was von den verschiedensten Gegnerschaften her gegen die anthroposophische Bewegung getan, unternommen wird. Auch darum war die letzte Zeit, die ihm auf Erden zu verweilen hier gegönnt war, eine Leidenszeit. Und wenn Schmerzen dasjenige sind, was das Leben in der geistigen Welt, das sich anschließt an die Erdenzeit, vertieft, Hermann Linde hat vieles von edlem Schmerze in jene Daseinsform hinübergenommen, die er nunmehr angetreten hat. Das alles, meine lieben Freunde, soll unsere Seele erfüllen heute. Und es soll der Ausgangspunkt sein, daß hingebende Gedanken für diese Seele verbleiben in unseren Seelen. Dann werden wir in würdiger Weise wiederfinden die liebe Seele, die von unserem physischen Anblick hinweggenommen ist, die unserem geistigen Anblick in intensivster Weise bleiben soll."},{"locus":"GA 261/1923-06-29/p038","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/261/1923-06-29/p038","passage_number":38,"word_count":43,"text":"Wenn wir das können, wenn wir Hermann Linde lieben können in der Stärke, mit der wir ihn hier geliebt haben, und mit einer immer wachsenden Stärke, dann erfüllen wir in diesem Falle das, was zu erfüllen uns fähig machen soll gerade anthroposophische Lebensauffassung."},{"locus":"GA 261/1923-06-29/p039","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/261/1923-06-29/p039","passage_number":39,"word_count":225,"text":"Der Ausgangspunkt für eine Geistgemeinschaft mit dieser Seele sollen die Tage sein, in denen er uns für den physischen Anblick entrissen worden ist. Er hat unserer Gemeinschaft zurückgelassen seine liebe Gattin, unsere liebe Freundin, zurückgelassen seine liebe Tochter. Wir müssen den Schmerz, den sie tragen über seinen Hin“gang, in wahrer innerer Herzlichkeit mitzuttagen verstehen. Wir müssen verstehen, dadurch unsere an ihn hingegebenen Gedanken recht wertvoll zu machen, daß wir in innigster Liebe verbunden bleiben, solange uns dies auf Erden vergönnt ist, mit diesen seinen uns befreundeten Hinterbliebenen. Wir müssen es zu unserem Willen und zu seiner geistigen Freude machen, seinen Hinterbliebenen das zu sein, was ihm, wenn er herunterschaut auf dasjenige, was auf der Stätte geschieht, auf der er so lange gewirkt hat, zur inneren geistigseelischen Befriedigung dienen kann. Dies ist wirklich seelisch-praktische Anthroposophie. Wenn wir im rechten Sinne wissen, daß der Tod nicht Zerstörer des Lebens, sondern Anfang einer anderen Lebensform ist, so müssen wir verstehen im rechten Sinne auszulegen, daß die Liebe, die einem, der nun für das Erdenleben tot ist, zugeteilt worden ist, mit diesem Tode ebenfalls in eine andere Daseinsform tritt. Und wenn wir nicht verstehen diese Metamorphose der Liebe, dann verstehen wir auch nicht im rechten Sinne die Metamorphose des Lebens, die wir doch zu verstehen meinen, wenn wir uns überhaupt einer solchen Geistesbewegung, wie sie die anthroposophische ist, anschließen."},{"locus":"GA 261/1923-06-29/p040","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/261/1923-06-29/p040","passage_number":40,"word_count":152,"text":"Und so sei denn heute gedacht, wie schön Hermann Linde in seinem eigenen Herzen wahr gemacht hat die Überzeugung, daß dasjenige, was der Mensch hier auf Erden ist und wirkt, aus dem Göttlichen stammt: Ex deo nascimur. Es sei bedacht, daß er voll in seinem Herzen die Kräfte gefunden hat, für das irdische Bewußtsein anzuerkennen, daß in diesem Bewußtsein aufleben müsse die Christus-Kraft, damit das, was in dem Menschen mit der Geburt anfängt zu sterben, durch das Erleben der Christus-Kraft die Anwartschaft auf ein neues Leben gewinnt: In Christo morimur. Und teilen wir mit Hermann Linde die Überzeugung, indem wir sie heute in Gedanken wachrufen, daß, wenn also das Bewußtsein von der göttlich-geistigen Abstammung sich verbindet mit dem Bewußtsein des Geeintseins mit dem Christus-Impuls, daß dann gelebt werden darf auch in der Überzeugung, daß im Geiste auferweckt wird das Menschendasein, das in dieser Weise Gott-bewußt und Christus-durchdrungen ist: Per spiritum sanctum reviviscimus."},{"locus":"GA 261/1923-06-29/p041","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/261/1923-06-29/p041","passage_number":41,"word_count":46,"text":"Diese Gedanken bekräftigen dasjenige in uns, was uns fähig macht, für alle Zukunft in treuen Gedanken immerdar aufzuschauen zu der Seele Hermann Lindes, die weiterwirken wird im geistigen Dasein als Fortsetzung ihres irdischen Daseins. Zum Zeichen dessen, meine lieben Freunde, erheben wir uns von unseren Sitzen."},{"locus":"GA 261/1923-06-29/p042","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/261/1923-06-29/p042","passage_number":42,"word_count":154,"text":"Meine lieben Freunde, es geziemt sich vielleicht gerade an diesem Tage in der kurzen Spanne Zeit, die uns noch bleibt, eine Betrachtung anzustellen, die mit einem solchen Ereignisse zusammenhängen kann. Wir müssen uns im Innersten unserer Seele klar sein darüber, wie das, was wir im physischen Erdendasein durchleben, auch seelisch durchleben, gebunden ist an die äußeren Sinne und an das, was der Verstand aus den Eindrücken der äußeren Sinne macht. Die äußeren Sinne aber mit alledem, was der Verstand aus diesen äußeren Sinnen macht, sie folgen uns nicht in das nachirdische Dasein. Die äußeren Sinne übergeben wir dem irdischen Dasein mit dem physischen Tode. Was der Verstand aus den Eindrücken der äußeren Sinne macht, übergeben wir wenige Tage nach dem physischen Tode der ätherischen Welt. Es schmilzt von uns ab, und wir sind bei allem Folgenden darauf angewiesen, dasjenige weiter auszuleben, was in die Finsternis des Unbewußten getaucht ist, während wir das Erdenleben führen."},{"locus":"GA 261/1923-06-29/p043","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/261/1923-06-29/p043","passage_number":43,"word_count":146,"text":"Der Mensch vollbringt sein Erdenleben zu einem Teile in dem Zustande zwischen Aufwachen und Einschlafen. Da erfüllt ihn, was durch die Sinne und durch den Verstand erlebt wird, und was er in der Gestalt, in der er es hier auf Erden erlebt, mit dem Tode ausgelöscht findet. Der Mensch erlebt die andere Seite des Daseins an jedem Tage zwischen dem Einschlafen und Aufwachen. Aber wenn auch das darinnen Erlebte für das Erdenbewußtsein in die Finsternis des Unbewußten getaucht ist, was hier für das Erdendasein manchem von geringer Bedeutung erscheint: für das, was in der Menschenseele auflebt, wenn sie durch die Pforte des Todes durchgegangen ist, sind gerade diese Erlebnisse, die sich dann in volle Bewußtheit wandeln, das Allerwesentlichste des Erdenlebens. Was wir in Unbewußtheit hier im Erdenleben durchmachen, das tragen wir hindurch durch die lange Zeit, die wir zwischen dem Tode und einem neuen Erdenleben durchmachen."},{"locus":"GA 261/1923-06-29/p044","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/261/1923-06-29/p044","passage_number":44,"word_count":153,"text":"Die größte Verschiedenheit zwischen dem, was wir hier auf Erden wahrnehmen, schauen und denken, und demjenigen, was wir drüben schauen, nachdem wir durch die Pforte des Todes geschritten sind, ist vorhanden in bezug auf die äußere Natur. Wer da glaubt, im Wachzustande, mit den physischen Sinnen und dem irdischen Verstande zu erschöpfen, was in der Natur verborgen liegt und sich offenbart, der ist in einem Irrtum befangen, er kennt nur den geringsten Teil der Natur. Die Natur hat noch eine wesentlich andere Seite, jene Seite, die wir durchleben zwischen dem Einschlafen und Aufwachen, die für das wache Bewußtsein aus der Natur heraus tief verborgen ist, die im wahrsten Sinne des Wortes eine andere Seite unseres Daseins darstellt. Im höchsten Maße verschieden ist die eine Seite des Daseins, welche die Natur zuweist unseren irdischen Sinnen und unserem irdischen Verstande, von der anderen Seite, die unserem Seelischen, unserem Geistigen, das der Ewigkeit angehört, zugewiesen ist."},{"locus":"GA 261/1923-06-29/p045","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/261/1923-06-29/p045","passage_number":45,"word_count":239,"text":"Wer sich von dieser radikalen Verschiedenheit einen rechten Begriff machen kann, wer da einsieht, in welch hohem Maße es der Fall ist, daß, während die Natur unseren Sinnen eine ganz entgeistigte, entseelte Wesenheit offenbart, sie von der andern Seite gesehen durch und durch eine unendliche Fülle von in sich geistigen Wesenheiten ist, der kann auch begreifen, welch gewaltiger Unterschied besteht zwischen dem Menschenwesen, wenn es hier eingekleidet ist in den physischen Leib, und dem Menschenwesen, wenn es abgelegt hat den physischen und den Ätherleib und in seinem seelisch-geistigen Teil jenseits der Pforte des Todes weiterlebt. Nicht nur an sich, sondern im ganzen Verhältnisse zu uns selbst herrscht da eine radikale Verschiedenheit. Wir stehen einem Menschen im Erdenleben gegenüber, wir erleben mit ihm zusammen, was sich im Erdenleben abspielt. Das, was er erlebt, prägt sich unseren irdischen Gedanken ein. Es wird durch unsere irdischen Gedanken unsere Erinnerung. Wir tragen in unserer Erinnerung während unserer Erdenzeit diesen anderen Menschen in uns, mit uns. Aber jedesmal, wenn wir wieder seiner ansichtig werden, dann wirkt in uns nicht bloß die irdische Erinnerung, dann wirkt dasjenige, was als Lebendiges aus seiner Seele ausströmt und was sich ergießt in diese irdische Erinnerung. Man bedenke, wie die Erinnerung an einen Menschen, die wir in uns tragen, belebt ist, wenn wir ihm selbst im Erdenleben gegenüberstehen, wie unendlich lebendiger für das irdische Denken dasjenige ist, was von ihm ausströmt in die Erinnerung herein, als diese Erinnerung selbst."},{"locus":"GA 261/1923-06-29/p046","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/261/1923-06-29/p046","passage_number":46,"word_count":193,"text":"Und nun geht er fort von uns aus dem physischen Erdendasein. Uns bleibt die Erinnerung, zu der er selbst von seinem Tode an nichts Metamorphosierendes, nichts Verwandelndes, nichts Belebendes mehr hinzutut. Uns bleibt die Erinnerung, so wie uns die Gedanken an die äußere Natur bleiben, wenn wir sie mit physischen Sinnen schauen, mit physischem Verstande ergreifen, wo auch die Dinge der Natur nichts zu unserer Erkenntnis, zu unseren Gedanken hinzutun, wo wir unsere Gedanken um so objektiver halten müssen, je mehr wir nur treu dasjenige abbilden wollen, was einmal ist, und wo wir uns nicht beirren lassen dürfen von dem, was diese Gedanken aus dem Leben heraus modifizieren könnte. Aber so wie die andere Seite der Natur verschieden ist von der, die sie uns zuweist für die Sinne und für den irdischen Verstand, so ist dasjenige, was ein Menschenwesen ist, wenn es für uns bloß irdische Erinnerung geworden ist, verschieden von dem, was es gewesen ist, da es Tag für Tag, von Zeit zu Zeit diese irdische Erinnerung belebte. Denn von diesem Zeitpunkte an tritt dieses Menschenwesen für unseren Anblick, für unser Erleben nun ganz und gar auf die andere Seite des Daseins."},{"locus":"GA 261/1923-06-29/p047","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/261/1923-06-29/p047","passage_number":47,"word_count":75,"text":"Wie wir im Schlafe leben, so leben wir mit den Naturwesen, die innerlich geistig lebendig sind, gegenüber dem, was tot ist und sein totes Antlitz uns zuweist für die irdischen Sinne, so lebt dasjenige vom Menschenwesen, was für unser irdisches Erdenleben nunmehr nur Erinnerung geworden ist, auf dieser andern Seite des Daseins, in jenem Reiche, das wir, in die Unbewußtheit, in die Finsternis der Unbewußtheit gedrängt, in jenem Reiche erleben, das wir im Schlafe durchmachen,"},{"locus":"GA 261/1923-06-29/p048","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/261/1923-06-29/p048","passage_number":48,"word_count":113,"text":"Ja, meine lieben Freunde, so wie belebend unsere Gedanken, beeindruckend unsere Empfindungen der physische Mensch vor uns hintritt und wir ihn im Erdenbewußtsein eben bewußt erleben, so erleben wir - zwar unbewußt, aber deshalb nicht weniger real — das Herannahen, das Mit-uns-Leben des aus dem irdischen Dasein Hingegangenen im Schlafeszustande. In demselben Maße, in dem uns der Hingegangene entschwindet für das wache Bewußtsein, tritt er in unsere Lebenssphäre für das schlafende Bewußtsein. Und wenn wir Menschenseelen - aus der anthroposophischen Erkenntnis heraus — wissen, wie wir lernen müssen, für den Schlaf eine ganz andere Lebenstichtung anzutreten als diejenige ist, die wir für das Wachen haben, dann werden wir fühlen, was das Gesagte bedeutet."},{"locus":"GA 261/1923-06-29/p049","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/261/1923-06-29/p049","passage_number":49,"word_count":77,"text":"Wenn wir nur so leben könnten, daß immer in der physischen Zeit verlaufend das Spätere an das Frühere sich anschließt, würden wir niemals das wahre Geistige erleben können. Wir lernen erst dann das wahre Geistige erleben, wenn wir die Lebensrichtung ganz in die entgegengesetzte Richtung verlegen können. Im Geistigen verläuft, so paradox es dem physisch Denkenden erscheint, alles Leben in umgekehrter Richtung. Das Rad des Lebens schließt sich. Das Ende schließt sich zuletzt mit dem Anfang zusammen."},{"locus":"GA 261/1923-06-29/p050","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/261/1923-06-29/p050","passage_number":50,"word_count":51,"text":"Das erscheint den Erdenmenschen nur deshalb so unglaublich, weil sie sich so weit entfernt haben von jeglicher geistiger Anschauung. Aber jedesmal, wenn wir auch nur zu dem kürzesten Schlafe kommen, erleben wir die Zeit nach rückwärts laufend. Denn nach rückwärts laufend ist der Vorwärtsgang zum Geist, aus dem die Welt urständet."},{"locus":"GA 261/1923-06-29/p051","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/261/1923-06-29/p051","passage_number":51,"word_count":34,"text":"Und selbst das, was ältere Kulturströmungen als ihr Richtiges anerkannten, daß die später Geborenen zu den Urvätern zurückkehren im Tode, ist richtiger als die Vorstellung, die wir in unserer scheinbar so aufgeklärten Zeit haben."},{"locus":"GA 261/1923-06-29/p052","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/261/1923-06-29/p052","passage_number":52,"word_count":116,"text":"Dann aber, wenn wir jede Nacht antreten den Weg zum Geistigen hin in der dem Physischen entgegengesetzten Richtung, sind die, welche vor uns im physischen Tode hinweggegangen sind, diejenigen, die uns da vorangehen. Und indem wir jede Nacht eintreten in eine geistige Welt, sind gewissermaßen - bildhaft gesprochen — vorn die Wesenheiten der höheren Hierarchien, die niemals sich auf Erden inkarnieren, und dann unter ihnen der Zug derjenigen Seelen, mit denen wir schicksalsmäßig verbunden waren und die früher als wir die Pforte des Todes durchschritten haben. Und jenes Stück Weges, das uns, wenn auch nicht in Bewußtheit, so doch in unbewußten Gedanken zu verfolgen gegönnt ist in jedem Schlafzustand, dieses Stück folgen wir ihnen in Wirklichkeit."},{"locus":"GA 261/1923-06-29/p053","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/261/1923-06-29/p053","passage_number":53,"word_count":258,"text":"Und wenn wir es dahin bringen, die Erinnerung wach und lebendig zu erhalten an unsere lieben Toten, wenn wir auch im Wachzustande diese Gedanken in lebhafter Bildhaftigkeit immer wieder und wiederum vor uns haben, dann macht das, was wir im Wachen als Erinnerungsbilder liebevoll in uns tragen für die Toten, daß die Toten hereinwirken können in diese Welt, ihren Willen herein ergießen können und daß in dem Willen der Lebendigen der Wille der Toten weiterlebt. Aber auch das, was wir in unseren Erinnerungen im Wachzustande für die Toten immer wieder und wiederum in Liebe voll erwecken, geht mit uns als nachwirkende Kräfte in den Schlafzustand hinüber. Es ist anders für die Toten, wenn wir in den Schlaf eintreten aus einem Leben, in dem wir unsere Toten vergessen haben, oder aus einem Leben, in dem wir die Bilder unserer Toten immer wieder liebevoll vor unsere Seele gerufen haben. Denn das wird für die Toten Empfindung, was wir in die Welt des Geistes jedesmal beim Einschlafen hineintragen. Dort wird ihre Seelenanschauung, ihre Anschauung gewahr die Bilder, die wir durch die Pforte des Schlafes in die geistige Welt jeden Tag hineintragen. Und so können wir es dahin bringen, daß das Wahrnehmungsvermögen der Toten sich mit den Bildern, die wir ihnen treu bewahren, während des Schlafes vereinigt. So können wir es dahin bringen, daß der Wille des Toten sich mit unserem Willen vereinigt durch die Gedanken, wenn sie im Wachzustande von uns in treuem Angedenken gehegt und gepflegt werden. Und so können wir in realer Weise lernen, mit den Toten zu leben."},{"locus":"GA 261/1923-06-29/p054","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/261/1923-06-29/p054","passage_number":54,"word_count":124,"text":"Dann werden die Toten uns würdig befinden, mit ihnen zu leben. Und dann erst entsteht die rechte Menschengemeinschaft, die triebartig nur ist innerhalb der physischen Welt, die seelisch aber auch für diese physische Welt wird, wenn das Auslöschen des physischen Erdenlebens keine seelisch geknüpften Bande lockert oder gar zerrüttet, wenn alles bleiben kann, was in der Scele gebunden ist, trotzdem die äußeren irdischen Bande gelockert oder gelöst werden. Das heißt durch die Menschenseele bewahrheiten die Realität des Geistes, wenn wir im Leben dem Geiste die Wahrheit dadurch zugestehen, daß wir ihm von seiner Realität nichts entziehen, dadurch daß wir uns allein an das Physisch-Sinnliche hingeben, sondern daß wir die Möglichkeit finden, so — wie gezwungen im Physisch-Sinnlichen - frei zu leben in dem Geistig-Seelischen."},{"locus":"GA 261/1923-06-29/p055","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/261/1923-06-29/p055","passage_number":55,"word_count":37,"text":"Das ist es, woran uns jeder Tod, woran uns insbesondere der Tod eines lieben Freundes erinnern kann, wozu er uns aufrüfen kann, aber nicht bloß zur toten Erinnerung, sondern erwecken kann zu einer bleibenden lebendigen Empfindung, Erinnerung."}]}