Rudolf Steiner / Marie Steiner-von Sivers — Nr. 52, 1906-12-08

GA 262/1906-12-08/p002 ·1906-12-08 · original (original)
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Samstag, 8. Dezember 1906 Stuttgart, 8. Dec. 1906 Mein Liebling. Eh es in Stuttgart losgeht, sollst Du diese paar Zeilen erhalten. Unter Frankfurt hat leider noch mein Hals zu tragen. Diese edlen Arrangeure hatten es «schlau» gefunden, sowohl den öffentlichen Vortrag wie den internen Abend bei Bier und Tabakrauch zu veranstalten. Dass dies mein Hals nicht aushält, ist selbstverständlich. Übrigens gab's noch eine Schönheit am Abend. Nach dem Vortrag kam ein Fragesteller, der einen Satz von der Theosophie vorbrachte, der heillosester Blödsinn war. Als ich sagte, dass doch im Vortrage so etwas nicht gesagt worden sei, wies er ein Flugblatt auf, das unser braver «Goethezweig» hat drucken lassen und worin der Satz steht. Ich musste nun natürlich sagen, dass es mir gar nicht einfällt, dergleichen zu vertreten. Es stellte sich heraus, dass das Ding eine bösartige Übersetzung des ohnedies schon konfusen englischen entsprechenden Flugblattes war. So sagte ich auch den Leuten. Nachher erklärte Herr Hintze, dass er dies aus dem Englischen übersetzt habe. Da haben die Leute unsere Flugblätter, worin der Text ordentlich deutsch steht. Herr Hintze aber findet es nötig, Flugblätter extra nach dem englischen Text zu drucken und dafür das Geld des Goethezweiges auszugeben. Er ist eben bei den Engländern in die Schule gegangen. Der Prof. Voigt kommt nicht mehr, weil ihm die «Theosophie» des Herrn Hintze mit unnötigen «buddhistischen» Floskeln dem deutschen Geistesleben unmöglich erscheint. Die Frau Lübke hätten wir los; nun haben wir wieder da in Frankfurt so einen, der die Dinge am englischen Quell studiert hat. Mein Liebling, wie steht es mit Deiner Übersetzung der Eleusinien? Wir müssen sie bald haben. Nach Leipzig fährst Du doch mit? Denn dass der Altmann die M-Broschüre ohne Vorrede druckt, ist trotz alledem von ihm eine Frechheit und auf eine werden sicher weitere folgen. Trotzdem ich gestern in Heidelberg anfangs nicht recht wusste, wie ich die Technik meines Halses handhaben werde, ging es dann gut. Hoffentlich komme ich nun auch heute in Stuttgart durch. Und bis morgen oder übermorgen hoffe ich, dass die alle Augenblicke sich umflorende Stimme wieder ordentlich sein werde. Anfangs Januar müssen wir unbedingt die Kongress-Programme versenden können. Wir werden uns also wohl dann in München aufhalten müssen. Übrigens kann Nab nichts für die Flugschrift; für den Bier-Rauchsaal aber ist er wohl mitverantwortlich. Während das erste Heldenstückchen formiert worden ist, war er krank. Jetzt ist er wieder gesund. Übrigens ist seine Krankheit ein bemerkenswerter Fall von zu schnell vollzogener Abstinenz, wie mir ganz klar geworden ist. Der Mann steht den ganzen Tag im Ledergeruch. Du weißt, er hat noch seinen Schoppen getrunken, als wir ihm das erste Mal in Frankfurt begegneten. Nun war der Alkohol für ihn das, was den Schaden des Lederduftes paralysierte. Er hat sich ihm ganz schnell entzogen, und ist ebenso schnell Vegetarier geworden. Da reagierte denn der Organismus mit einer Rippenfellentzündung. Jetzt hat er die Reaktion hinter sich und kann natürlich sowohl Fleisch wie Alkohol meiden. Aber, wenn Du Dir die Sache überdenkst, wirst Du viel Bemerkenswertes an dem Fall finden. Der Organismus ist eingespannt zwischen zwei Krankheitsursachen, die sich paralysieren. Fällt die eine weg: hier der Alkohol, so macht die andere krank, bis sich der Organismus sie eingeimpft hat. Wie viele Menschen leben doch in unserer Zeit nur unter den sich gegenseitig aufhebenden Krankheitsursachen! Schönste Grüße mein Liebling von Deinem Rudolf Gruß an Wiesel und Selling.

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