{"corpus":"steiner","locus":"GA 266a/1906-03-03/p002","lang":"de","edition":"original","edition_basis":null,"is_original":true,"is_default_edition":true,"text":"Hamburg, 3. März 1906 \nWer im theosophischen Sinne Esoteriker werden will, der muß \nsein Gedankenleben dahin schulen, daß jeder Gedanke ausreichend durchdacht wird. Das kurze, zu kurze Denken ist ein \nMerkmal des Menschen, der Materialist ist. Der theosophische \nEsoteriker darf in dies bequeme Denken nicht verfallen. \nNehmt den Gedanken der Sozialdemokratie: Ändert die Verhältnisse, und der Mensch wird in seinen sozialen Arbeits- und \nLebensbedingungen sich verbessern. - Ein Glaube des Materialismus, kurz und betörend. Dieser Glaube ist im höchsten Grade \nlähmend für jede Betrachtung des [wirklichen] sozialen Lebens. \nWie kann nun ein Theosoph aus diesem materialistischen Glauben sich befreien, daß die Existenz, ja sogar die Moral sich verbessern würde, wenn man nur die äußeren Verhältnisse verbessern würde? \nBeginnen wir mit dem Nachdenken darüber, daß doch jede \nVeränderung durch Menschen zu geschehen hat und daß demnach jeder Zustand, der herbeigeführt wird für die soziale Ordnung, aus Menschengedanken und Menschenempfindungen erfolgt. Hat man diesen Gedanken fest in der Hand, so kann man \nsich mit ihm aus der materialistischen Anschauung, alles werde \ndurch die äußeren Verhältnisse herbeigeführt, lösen. \nIhr müßt zum Erleben solcher Tatsachen kommen. Ihr müßt \nauch erleben, wie lähmend der Glaube wirkt, der Mensch sei ein \nProdukt der äußeren Verhältnisse. \nDer nächste Schritt ist so auszuführen, daß der angehende Esoteriker die Beweise sich sammelt, wie durch die Herbeiführung \nder besseren äußeren Verhältnisse keine Weltverbesserung eintritt. \nMan braucht nicht weit zu gehen, um genügend Anschauungsmaterial zu bekommen, da die Weltverbesserer es überall in die \nWelt schreien, daß man nur die äußeren Verhältnisse zu ändern \nbrauche. Nicht so leicht ist es, die Gedanken dieser Weltverbesserer zu verfolgen und sich nicht ablähmen zu lassen. - Viele \nMenschen denken also nach, und aus ihrem Denken und Fühlen \nwerden sie zu Weltverbesserern. Nun ist man reif, weiter zu \ndenken. \nDer folgende Gedanke ist dieser: \nIst es egal, ob ein guter Mensch oder ein böser Mensch über \ndie Weltverbesserung denkt und fühlt? \nDie Theosophie sagt uns, daß die soziale Ordnung von Menschen geschaffen wird und daß sie die Folge von Menschengedanken und Menschenempfindungen ist. \nAlso sind die Menschengedanken und die Menschenempfindungen zu kultivieren, nicht die soziale Ordnung zu verändern. \nWas wird ein echter Sozialdemokrat tun, wenn er etwas ändern will? Er wird die Gesetze ändern, damit die unerfahrenen \nMenschen nicht ausgeliefert sind diesen oder jenen Menschen. \nPrüft das in jedem Einzelfalle nach, wie ein Gesetz zustande \nkommt. Der Sozialdemokrat will nicht die Menschheit belehren, \nd. h. ihre Gedanken reinigen, kultivieren, ihre Gefühle veredeln, \num eine erfahrene Menschheit zu schaffen, die selbstbestimmend \nist für ihre Taten. \nDer Esoteriker fragt: Woher kommt dieser Zustand, der veränderungswürdig ist? Und wenn der Zustand nicht von der Natur verhängt ist, so erkennt er, daß der Zustand durch die Gedanken und Willensimpulse herbeigeführt wurde von den Menschen, die vor ihm gelebt haben. Die Verhältnisse sind also so, \nwie sie jetzt sind, weil Menschen mit ihren ungenügenden Gedanken und ungenügenden Empfindungen sie so gemacht haben. \nWenn der Sozialdemokrat als radikalster Sozialtheoretiker neue \nVerhältnisse schaffen will, so werden diese Verhältnisse genauso \nungenügend sein wie die bisherigen, weil er nämlich aus denselben ungenügenden Gedanken und ungenügenden Empfindungen \nschöpft wie die, die vor ihm diesen Zustand herbeigeführt haben. \nWas will also Geisteswissenschaft? Sie will eine mächtige Erziehung unserer innersten Seelenkräfte bewirken, damit aus anderen Gedanken und anderen Empfindungen heraus das soziale","text_trust":"verbatim","quote_safe":true,"title":"Aus den Inhalten der esoterischen Stunden — Hamburg, 1906-03-03","site_heading":null,"date":"1906-03-03","location":null,"word_count":544,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/266a/1906-03-03/p002","alignment_confidence":null,"alignment_reason":null,"two_voice_volume":false,"translation_credit":null,"edition_coverage":{"de":["original"],"en":["English"]},"available_versions":[{"lang":"de","edition":"original","edition_basis":null,"is_original":true,"is_default_edition":true,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/266a/1906-03-03/p002"},{"lang":"en","edition":"English","edition_basis":null,"is_original":false,"is_default_edition":true,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/en/ga/266a/1906-03-03/p002"}],"record":{"record_type":"listeners_notes","scope":"volume","note":"Written from listeners' notes, summaries, or memory rather than a shorthand transcript. The wording is the note-taker's as much as Steiner's: weigh a single striking phrase here far more cautiously than the same phrase in a stenographic volume, and do not rest an argument on one word.","evidence":"Gedächtnisaufzeichnungen von Teilnehmern sowie Notizen von Vorträgen","evidence_translation":"Participants' records written from memory, and notes of lectures","evidence_source":"Rudolf Steiner Verlag Gesamtverzeichnis 2022, volume subtitle. The translation is the maintainer's, not a published one."}}