Aus den Inhalten der esoterischen Stunden — Stuttgart, 1912-02-20
Stuttgart, 20. Februar 1912 Aufzeichnung Α Es geht die Weltentwicklung und die Entwicklung des Menschen immer Hand in Hand, und wer sich in eine esoterische Schule begibt, muß in derselben auch seiner Zeit Rechnung tragen. Da man aber sich mit den Ewigkeitswerten der Entwicklung in Verbindung setzt durch die esoterische Entwicklung, so ist durch die esoterischen Schulen aller Zeiten, auch der vorchristlichen, zum Beispiel der ägyptischen, etwas hindurchgegangen, das auch eine dauernde Bedeutung für den Schüler hat: Worte, die der heutige so gut wie der damalige Schüler ihrem Sinne nach auf sich wirken lassen kann. Solche Worte aus damaliger Zeit sind die folgenden, die, in unsere Sprache übersetzt, ungefähr so lauten: Ich bin an die Pforte des Todes gekommen; ich habe die vier Elemente kennengelernt; ich habe die Sonne um Mitternacht gesehen; ich bin den oberen und unteren Göttern nahegekommen; ich bin in die äußere Welt zurückgekehrt. Was heißt das: «Ich bin an die Pforte des Todes gekommen» etc.? In unseren Meditationen werden wir allmählich dazu gelangen, uns als doppelte Persönlichkeit zu fühlen, unser Ich als nicht mehr zugehörig zu fühlen zu dem, was wir bis jetzt mit unserem Ich identifizierten: den physischen Körper. Wenn der Mensch stirbt, so tritt ganz von selber ein, daß er seinen physischen Körper als nicht mehr zu sich gehörig betrachtet. Dies muß er aber schon erreichen, ehe er sich definitiv von diesem Körper trennt durch die Schulung. Wenn der Mensch sich entwickelt hätte, wie es die guten Götter wollten, so würde er seinen Körper von außen dirigiert haben. Hätte der Mensch zum Beispiel von einer Stadt zur andern reisen wollen, so hätte er seinen Körper durch einen magischen Willenseinfluß von außen dahin dirigiert. Sein Körper wäre wie ein zu ihm gehörendes Gewicht gewesen. Diesen Gedanken können wir uns klarmachen, wenn wir uns vorstellen, daß ein Marsbewohner plötzlich auf die Erde versetzt würde und der erste Mensch, der ihm entgegenträte, in jeder Hand ein Gewicht trüge. Der Marsbewohner könnte meinen, da er nie einen Menschen sah, daß diese zwei Gewichte mit dem Menschenkörper verwachsen seien. - So halten wir uns für viel zu sehr verwachsen mit unserem Körper. Wenn wir uns nun richtig schulen, so werden wir immer mehr das Gefühl bekommen, daß unser Ich sich spaltet und der eine Teil desselben den andern von außen dirigiert. Indem wir mit unserem herausgehobenen Ich immer mehr mit den hohen schöpferischen Wesenheiten in Berührung kommen, was wir als Gnade in Demut empfinden sollen, kann es uns geschehen, daß wir dieses Ich immer mehr identifizieren mit diesen hohen Wesenheiten; denn wir sind so durchdrungen von Ehrgeiz und Eitelkeit, wie wir es überhaupt nicht ahnen. Um nun dieser Eitelkeit entgegenzuarbeiten, gibt es ein gutes Mittel. Als die Vorgänger der Menschen auf der Erde, die Elohim, auftraten, wie taten sie dies? Sie spiegelten sich nicht in ihrem Glanz voller Eitelkeit. In der Bibel ist uns gesagt, daß sie schufen und daß sie dann ihre Taten ansahen und sahen, daß sie gut waren. So sollen wir die Taten unseres Ich ansehen, das, was das Ich geleistet hat; dann werden wir sehen, wie wenig gut noch alles ist. Nehmen Sie zum Beispiel unsere Handschrift. Das ist ein Ausdruck unseres Ich, ein Teil von uns, den wir nach außen setzen. Kein Mensch wird so eitel sein, sich selbst gegenüber alles schön an seiner Schrift zu finden. Und so kann der Mensch bei einiger Überlegung noch viele seiner Leistungen bei näherer Betrachtung recht mangelhaft finden. Was heißt nun: ich habe die Elemente kennengelernt? Das erste Element, in dem der Mensch geschaffen wurde, war die Wärme. Und eigentlich war bei der Erdenentwicklung beabsichtigt, daß der Mensch Wärmeströme von außen in seinen Körper hineinsenden sollte. Sommerwärme und Winterkälte, die er jetzt in seinem Körper als einzelner Mensch erlebt, die sollte er sozusagen als sein ihm von außen zuströmendes Ich empfinden. Dieses Ich sollte er als mit allen anderen Ichen verbunden fühlen. Daß die Wärme nun in uns hinein, in unser Blut gezogen ist, das ist Luzifers Tat. Das zweite Element, mit dem wir eng zusammenhängen, ist die Luft. Eigentlich sollten wir das Gefühl haben, daß die Luft da draußen wir selbst sind, daß wir mit ihr bei jedem Atemzug in den Körper strömen und ihn neu beleben. Statt dessen fühlen wir die Luft als etwas uns von außen Kommendes und geben sie zurück als etwas Vergiftetes, als etwas, das tötet. Und diese tötende Luft, in der tritt uns Ahriman entgegen. Wir identifizieren uns nur mit den zwei anderen Elementen, dem Festen und dem Flüssigen in uns, dem physischen Körper und dem Blut. Die empfinden wir als uns selbst. Wir sollen aber so wenig uns mit unserer jeweiligen Persönlichkeit identifizieren, daß, selbst wenn wir unsere früheren Inkarnationen kennenlernen, wir diese nur als Durchgangsstationen ansehen. Wir sollen nie sagen: wir sind der oder der gewesen. Denn dadurch verquicken wir unser ewiges Ich mit einem Vergänglichen. Aufzeichnung Β Vier Sätze der ägyptischen Einweihung werden Euch gegeben, deren Gefühl auch heute noch der Esoteriker durchdringen muß. I. Ich mußte durch die Pforte des Todes gehen. Das Erlebnis ist das: seinen Leib wie ein Gewicht fühlen, das man trägt. II Ich mußte die Elemente kennen lernen. III. Ich durfte die Sonne um Mitternacht schauen. IV. Ich war ganz nahe den oberen und unteren Göttern.
Cite:
GA 266b/1912-02-20/p002 · edition original