Aus den Inhalten der esoterischen Stunden — München, 1912-09-01
* Aufzeichnung D Das Vorherrschen der Bewußtseinsseele wird im Okkultismus der «innere Sadduzäer» genannt. Er zeigt sich, wenn der Mensch festumrissene Begriffe von der Wahrheit hat, ein kleines Feld für das Allumfassende hält und meint, daß diese Wahrheiten unveränderlich sind, wie zum Beispiel die Menschen der Wissenschaft, die nicht zugeben wollen, daß jede Wahrheit ihre Zeit und ihren Ort hat. Das Überwiegen der Verstandesseele heißt der «innere Pharisäer». Das tritt auf, wenn der Mensch eine Wahrheit erlebt hat und diese bei anderen Menschen auch als eine objektive Wahrheit durchsetzen will; wenn jemand meint, daß dasjenige, was er für sich selber als Wahrheit eingesehen hat, auch für alle anderen Menschen gelten müsse. Daher ist immer eine gewisse Unaufrichtigkeit im Spiel sich selbst gegenüber und den anderen Menschen gegenüber, die man davon überzeugen will, daß dasjenige, was man persönlich erlebt hat, die einzig geltende Wahrheit sei. Daher macht diese Seelenverfassung immer den Eindruck einer Heuchelei. Das Überwiegen der Empfindungsseele wird «Essäer» genannt. Zwar waren die Essäer ein Orden, der für seine Zeit viel Gutes getan hat, aber man kann trotzdem von dem «inneren Essäer» im Menschen sprechen. Das ist das Ausschließlich-indie-eigene-Seele-sich-Vertiefen, das Sich-Zurückziehen-von-anderen, die Askese - in Erwartung der Offenbarungen aus höheren Welten. Für unsere Zeit wäre es ein Sich-Berufen auf Tauler, Meister Eckhart und dergleichen und die Mystik überhaupt. Das Ablehnen, das Nicht-Lernenwollen von all demjenigen, was für die Erkenntnis der höheren Welten im Kosmos und in der Natur notwendig ist, das kennzeichnet den inneren Essäer. All das hält nicht vor dem Hüter der Schwelle stand, das muß innerlich bekämpft werden. Die eine Seele soll den beiden anderen dienen, wenn man ein guter Esoteriker werden will. Das Wo, Wie, Wann ist immer wichtig, wenn Wahrheit geoffenbart werden soll. Die Größe des Buddha bestand eben darin, daß er in einem bestimmten Zeitalter, an einem bestimmten Ort und in einer bestimmten Art seine Lehren gegeben hat. Wenn seine Lehren jetzt wiederholt werden, ist es nicht das Richtige; denn meistens bleiben gerade die Irrtümer fortbestehen und werden fortgepflanzt. Jede Zeit hat ihre eigenen Wahrheiten oder eine bestimmte Gestalt, in der diese verkündet werden zum Fortschritt in der Evolution der Menschheit.
Cite:
GA 266b/1912-09-01/p010 · edition original