Aus den Inhalten der esoterischen Stunden — Hannover, 1912-11-19
## GA 266/2 — 1912-11-19, Hannover
Hannover, 19. November 1912 Wer in eine esoterische Schulung eintritt, strebt selbstverständlich danach, in die höheren Welten zu gelangen, nur denken sich die meisten die Ereignisse, die dann eintreten, anders, als sie sich öfters zeigen. Es ist das visionäre Leben, was vielen als das Wünschenswerteste erscheint und was ja auch eintreten muß; aber es kommt nicht hauptsächlich darauf an, das zu erleben, es kommt auf eine gewisse Seelenverfassung an. Sobald eine esoterische Schulung begonnen hat, verändert sich die Seele unter dem Einfluß der Übungen, die dem Esoteriker je nach seiner Individualität gegeben sind. Und nun ist es als Hauptsache zu betrachten, daß auf eine solche Seelenverfassung in der feinsten und subtilsten Weise geachtet wird. Es ist schon öfters in esoterischen Betrachtungen gesagt worden, wie der Meditant nach der Meditation vollständige Ruhe in seiner Seele eintreten lassen muß. Zuerst spielt noch in die Seele hinein die Meditation wie ein Ton, der langsam verklingt. Dann muß auch dieser aus der Seele verschwinden. Leer, ganz leer muß die Seele werden zur Aufnahme der geistigen Welten. In Geduld und Ausdauer muß man dies üben. Man muß ruhig bleiben, auch wenn man lange Zeit nichts erlebt. Man muß sich freuen, daß einem überhaupt diese Ruhe gelingt. Ohne daß man es vorerst weiß, kann man in solchen Augenblicken, die am fruchtbarsten für die Entwicklung sind, etwas erleben. Man kann das Gefühl haben: jetzt habe ich etwas erlebt. Wie ein Traum nur kann es erscheinen. Aber noch in anderer Weise können Erlebnisse an den Esoteriker herankommen. Wenn wir uns am Morgen erhoben haben und an unsere alltäglichen Beschäftigungen gehen, dann kommt es vor, daß wir plötzlich die Empfindung haben: jetzt habe ich etwas erlebt. Auf diese Augenblicke sollen wir die größte Aufmerksamkeit verwenden, denn nach einiger Zeit wird ein anderes Gefühl hinzukommen; wir empfinden: diesen Gedanken hast du nicht selbst gedacht. Es war wie vorbeihuschend, wurde gleich wieder vergessen, aber es war da, wir haben ihn erlebt. Und ein solches Erlebnis ist sehr wichtig. Wir sollen unsere ganze Aufmerksamkeit immer mehr und mehr darauf richten. Denn in diesem Augenblick haben wir nicht selbst gedacht, nicht unser gewöhnliches Ich hat gedacht, sondern das hat gedacht, was als das göttliche Denken durch alle Zeiten und Ewigkeiten hindurchgeht. Es denkt mich - das große Weltendenken denkt mich. Esoterisch ist das ausgedrückt in dem «Hüter der Schwelle»: «In deinem Denken leben Weltgedanken.» Esoterisch sagt man: Es denkt mich. Wenn Ihr daher diesen mantrischen Spruch öfters durch Eure Seele ziehen laßt - es kann gleich nach der Meditation geschehen oder auch im Verlauf des Tages, in jeder Mußestunde, wo Ihr geht und steht -, so wirkt das unendlich stärkend, kraftbringend für die Seele. Aber nicht als einfachen Satz muß man diese Worte durch die Seele ziehen lassen, sondern man muß die Seele ganz damit erfüllen und dabei empfinden ein Gefühl der tiefsten Frömmigkeit. Zur Pflicht sollte es sich der Esoteriker machen, dieses: Es denkt mich niemals als bloßen «Satz» zu sagen. Nun gibt es noch einen zweiten Satz, den wir in derselben Weise anwenden können. Da müssen wir zunächst einmal auf uns selbst zurückblicken. Die meisten Menschen denken bei allen Schicksalsschlägen, die sie im Leben treffen, wie es komme, daß gerade ihnen dies widerfahre. Der Esoteriker soll immer den Gedanken an Karma gegenwärtig haben. Wir sind tatsächlich an allem Schuld, was uns trifft. Wenn wir diesen Gedanken in uns leben lassen, gelangen wir nach und nach dazu, Karma zu erfassen, uns der Zusammenhänge bewußt zu werden, die zwischen der göttlich-geistigen Welt und uns bestehen, wie aus diesen Untergründen heraus gewirkt wird unser Schicksal, unser Karma. Hierfür ist der zweite mantrische Satz, der in derselben Weise in unserer Seele leben soll wie der erste: Es wirkt mich; exoterisch ausgedrückt: «In deinem Willen wirken Weltenwesen.»
Wenn wir uns die Worte dieses zweiten Satzes durch die Seele ziehen lassen, sollen wir dabei empfinden die heiligste Scheu und Ehrfurcht, die tiefste Andacht. Noch einen dritten Satz gibt es. Wenn wir auch diesen auf uns wirken lassen, können wir allmählich dahin gelangen, zu empfinden das Weben der göttlichen Hierarchien der höheren Welten an unserem Seelenleib. («Prüfung der Seele», 1. Bild; Capesius.) Es weht mich. Dieses ist der Inhalt des dritten mantrischen Satzes, den wir in der gleichen Weise wie die beiden ersten auf unsere Seele wirken lassen sollen. Bei diesem Satz sollen wir empfinden das Gefühl der größten Dankbarkeit gegenüber den hohen, großen geistigen Mächten. Exoterisch wird dieser Satz ausgedrückt: «In deinem Fühlen weben Weltenkräfte.» Bei der Übung zum Beispiel: Ich ruhe in der Gottheit der Welt ... sollen wir nicht das persönliche Ich empfinden, sondern das göttliche Ich. Wir können natürlich den Wortlaut, das Wort «Ich» nicht ausschalten, aber es soll das höhere, erweiterte Ich dabei empfunden werden. Das persönliche Ich, mit dem wir im physischen Leib leben, muß bei dem Tode aufhören und in das höhere Ich übergehen. Es stirbt in das Welten-Ich hinein - I.C.M. Noch ein anderes Gefühl müssen wir empfinden, das Gefühl der Ohnmacht, der Ohnmacht den göttlich-geistigen Welten gegenüber. Wir selbst können unseren physischen Leib über Nacht, während des Schlafes nicht erhalten, nicht vor dem Zerfall bewahren. Göttlich-geistige Wesenheiten tun dies für uns. Wir kommen aus den geistigen Welten, aus denen wir entstanden sind, in den physischen Leib wieder hinein beim Erwachen; die geistigen Kräfte erhalten und bilden uns: E.D.N. (Vaterprinzip). In der richtigen Weise E.D.N. zu erleben, müssen wir uns erfüllen mit dem Gedanken, daß alles, was wir sind, im Denken, Fühlen, Wollen uns gegeben ist von der Gottheit: sie denkt uns, sie webt uns, sie wirkt uns - aus ihr sind wir geboren: E.D.N. Wir haben dann während unseres Lebens durch die Inkarnationen hindurch dieses göttliche Seelenwesen in uns verdunkelt und verfinstert. Wir haben uns umgeben mit einer Welt von Visionen, die aus unserem Wesen, nicht von göttlichen Urwesen herrühren. Durch die Esoterik müssen wir durchdringen dazu, dahin, daß wir unseren eigenen göttlichen Seelenkern, wenn wir hinübergehen, wenn wir durch die Todespforte in die geistige Welt hineingelangen, uns befreit haben von dieser Verfinsterung, die als visionäre Wolke unser ganzes Wesen eingehüllt hat. Wenn uns das gelungen ist, dann finden wir nach dem Tode die Vereinigung mit der unseren Kosmos durchflutenden Geistigkeit, dem Christus. Wir sterben hinein in den Christus: I.C.M. - und dadurch wird uns die Möglichkeit gegeben, die reinen kosmischen Kräfte aufzusaugen zum Aufbau einer reineren Leiblichkeit für die nächste Inkarnation. Unser Leib ist uns aus den Naturkräften gegeben; diese Vaterkräfte saugen wir in unser Wesen hinein; durch den Christus sind wir zum Vater gekommen: «Ich und der Vater sind eins». «Niemand kommt zum Vater denn durch mich.» Daß wir diesen Weg durchgehen können, dazu verhilft uns die Verbindung mit den geistigen Welten, die wir schon im physischen Leben durch Esoterik finden können und so aufnehmen in unseren Intellekt und unsere Moralität den spirituellen Strom, der uns aus den geistigen Welten zufließt - und das ist der Heilige Geist. P.S.S.R.
Es denkt mich: das Herunterkommen des geistigen Urbildes aus den Vaterkräften, die hinter dem Tierkreis sich befinden. Es wirkt mich: in den Ätherleib des Christus, der den Tierkreis umfaßt, hineinsterben und in dem Es weht mich das Neue empfangen, was uns durch Christus aus den Vaterkräften zuteil wird. Dasselbe wie in der Übung: Ich bin - es denkt - sie fühlt - er will. Erklärung der verschiedenen Meditations-Übungen. ESOTERISCHE STUNDE
Cite:
GA 266b/1912-11-19/p002-p003 · edition original