Esoterische Stunde
Zur Zeit der alten Essäer hatte man noch die Anschauung, daß das Weltensystem durchaus nicht so feststehend sei, sondern daß zum Beispiel der Lauf der Gestirne usw. der Willkür der göttlichen Wesenheiten unterworfen sei, daß also einmal eines Morgens die Sonne nicht heraufsteigen würde. Diese Übung ist also für den heutigen Menschen nichts, denn der heutige Mensch weiß, daß es ein feststehendes Weltensystem gibt. Es würde also unwahrhaftig sein, wollte er diese Übung machen. Auch die erste Übung der Essäer zwischen Sonnenuntergang und -aufgang würde in der heutigen Zeit nicht durchführbar sein. Der heutige Esoteriker aber weiß, daß jede Nacht Astralleib und Ich den physischen und Ätherleib verlassen. Nun muß sich der Esoteriker einmal diese Vorstellung vor die Seele führen, daß ein Dämon sich des physischen und des Ätherleibes bemächtigt hat und Astralleib und Ich am Morgen nicht wieder in ihre Wohnungen einziehen könnten. Der Esoteriker sollte sich nun beim Erwachen folgendes vor die Seele rufen: «Was hast du kurz vor dem Erwachen gedacht, getan?» (Der vorgeschrittene Esoteriker tut dies vor dem Erwachen mit vollem Bewußtsein!) Zunächst kann man sich nicht besinnen, daß man überhaupt etwas gedacht und getan hat. Nachdem man aber längere Zeit diesen Gedanken nachgehangen hat, kommt - zuerst gleichsam vorbeihuschend, dann immer festere Formen annehmend - der Gedanke: «Du hast der Gottheit gedankt, daß es dir vergönnt ist, wieder in dem von ihr aufgebauten Leib Wohnung zu nehmen, denselben wieder zu beleben.»
Cite:
GA 266c/1913-02-17/p009 · edition original