XIX. Charakteristische Krankheitsfälle
In diesem Kapitel möchten wir aus der Praxis des klinischtherapeutischen Institutes in Arlesheim eine Reihe von Krankheitsfällen beschreiben. Dieselben werden zeigen, wie versucht werden kann, mit Zuhilfenahme der Erkenntnis vom geistigen Menschen ein durchgreifendes Bild des krankhaften Zustandes so zu gewinnen, daß die Diagnose unmittelbar lehrt, welches Arzneimittel angewendet werden muß. Dabei liegt eine Anschauung zugrunde, die Erkrankungs- und Gesundungsprozeß als einen einzigen Kreisprozeß ins Auge faßt. Die Erkrankung beginnt mit einer Irregularität in der Zusammensetzung des menschlichen Organismus mit Bezug auf seine in diesem Buch beschriebenen Teile. Sie ist an einem bestimmten Punkte angekommen,. wenn man den Kranken in Behandlung bekommt. Man hat nun dafür zu sorgen, daß alle Vorgänge, die sich seit dem Beginn der Krankheit im menschlichen Organismus abgespielt haben, wieder zurückverlaufen, so daß man zuletzt bei dem Zustande der Gesundheit anlangt, in dem der Organismus vorher war. Ein solcher Prozeß, der in sich selbst zurückläuft, ist nicht zum Vollzug zu bringen, ohne daß im Gesamtorganismus ein Verlust an Wachstumskräften vor sich geht, die gleichwertig sind den Kräften, welche der menschliche Organismus während der Kindheitszeit braucht, um sein Volumen zu vergrössern. Die Heilmittel müssen daher so beschaffen sein, daß sie nicht nur den Krankheitsprozeß zurücklaufen lassen, sondern auch die sich herabstimmende Vitalität wieder unterstützen. Einen Teil der letzteren Wirkung wird man der Krankheitsdiät überlassen müssen. Doch ist in der Regel bei ernsteren Krankheitsfällen der Organismus nicht gestimmt, in der Verarbeitung der Nahrungsmittel genügend Vitalität zu entwickeln. Es wird daher notwendig sein, auch die eigentliche Therapie so einzurichten, daß der Organismus in dieser Beziehung seine Unterstützung findet. Bei den typischen Mitteln, die von den klinisch-therapeutischen Instituten ausgehen, ist durchaus diese Einrichtung getroffen. Man wird deshalb nur bei genauerem Zusehen bei einem Präparat erkennen, warum es bestimmte Bestandteile enthält. Im Krankheitsverlaufe ist nicht nur der lokalisierte Krankheitsprozeß, sondern die Gesamtveränderung des Organismus zu berücksichtigen und diese in den rückläufigen Prozeß einzubeziehen. Wie das im Einzelnen zu denken ist, werden bestimmte Fälle, die wir nun charakterisieren wollen, zeigen. Nach deren Beschreibung wollen wir mit den allgemeinen Betrachtungen fortfahren.