15. Goethes Aufsuchen der Tiefen des Werdens und der Weltgeheimnisse in Seinem «Faust» Die Luziferische und die Ahrimanische Verführung
An diese Appellation, wo Mephistopheles gewissermaßen dem Himmel gegenüber appelliert um die Seele des Faust, will Goethe anschließen ursprünglich. Also das hat er sich aufgeschrieben: Mephistopheles ab zur Appellation. -— Dazu schreibt er sich: «Himmel, Christus, Mutter» — also die Mater dolorosa — «Evangelisten und alle Heiligen. Gericht über Faust». Also nicht lange, bevor Goethe seinen «Faust» vollendet hat, hat er ihn so vollenden wollen, daß er den Mephistopheles appellieren läßt in bezug auf Fausts Seele dem Himmel gegenüber, und gedacht hat, eine Art Gericht halten zu lassen, wo man hätte sehen sollen eine Art himmlische Szene, bei der sich versammelt haben Christus, die Mutter Gottes, die Evangelisten und alle Heiligen. Goethe hatte also daran gedacht, diese Szene etwa so vorzuführen, wie wir den oberen Teil auf dem bekannten Raffaelischen Bilde finden, wo das Sakrament in der Mitte ist. Wir kennen dieses Bild. Da hätte Gericht gehalten werden sollen über Faust. So hat Goethe das nicht ausgeführt, weil er in der Zeit, in der er sich das aufgeschrieben hat, mehr noch seiner inneren Willkür folgen wollte. Er ist getrieben worden durch die Sache, es anders auszuführen. Das erste hätte ja recht schön sein können, aber, man möchte sagen, das hätte auch in früheren Zeiten so geschrieben werden können. In die Goethe-Zeit paßt das nicht mehr herein. Nur diejenigen, die nichts verstehen von der Entwickelungsgeschichte der Menschheit, glauben, daß man alles zu allen Zeiten schreiben kann, und daß man in jeder Zeit über alle Sachen in der gleichen Weise schreiben kann. Das tun diejenigen nicht, die lebendig im Menschheits-Entwickelungsprozesse
Cite:
GA 272/1916-09-11/p032 · edition original