15. Goethes Aufsuchen der Tiefen des Werdens und der Weltgeheimnisse in Seinem «Faust» Die Luziferische und die Ahrimanische Verführung

GA 272/1916-09-11/p045 ·1916-09-11 · original (original)
Record: unknown. How this text was taken down (shorthand transcript, listeners' notes or manuscript) is not on record here. Unknown is not an assurance of a stenogram: check the edition's own notes before resting an argument on one word.

Nun steht Mephistopheles da. Er hat diese Seele erbeuten wollen, er hat sie nicht erbeuten können. Es ist ihm nicht gelungen, sie mit der Erdenschwere zu verbinden, sonst würde sie entweder schon am Leichnam geblieben sein und in dem Kreis der Lemuren erhascht worden sein, oder es würden sie die Dickteufel erbeutet haben oder die Dünnteufel. Das alles ist nicht gelungen. Es ist eine solche Gleichgewichtslage zwischen dem Ahrimanischen und dem Luziferischen eingetreten, daß Faust himmelwärts gekommen ist. Aber Mephistopheles ist nun stehengeblieben. Die Seele ist ihm entgangen. Aber er könnte sich jetzt sagen: Ja, hier stehe ich; diese Seele ist mir entgangen, aber sie wird wieder in meinen Bereich ziehen, sie wird wiederkommen auf die Erde. Dann werde ich sie erkennen, dann werde ich wiederum in ihre Nähe kommen können, denn dann wird sie neue ahrimanische Prüfungen durchzumachen haben. — Das ungefähr ausgeführt, würde den «Epilog im Chaos auf dem Weg zur Hölle» geben. Denn das ist das Eigentümliche von Mephistopheles-Ahriman, daß er immer glaubt, in jeder Inkarnation zu siegen. Und in jeder Inkarnation kann er, wenn die entsprechende Gleichgewichtslage eintritt gegenüber Luzifer, wiederum seinen Sieg verlieren. Das ist das Eigentümliche. Aber dieses Hin- und Herpendeln des Menschen zwischen Ahriman und Luzifer muß schon stattfinden, sonst könnte sich die menschliche Persönlichkeit nicht entwickeln. Würde der Mensch nicht den Geist haben, der wirkt und schafft durch den Widerstand, so würde sich die menschliche Persönlichkeit nicht entwickeln können. Nur am Widerstand entwickelt sich die menschliche Persönlichkeit. Selbst an unserem Leibe entwickelt sich die Persönlichkeit am Widerstand. Denken Sie, wenn wir nicht zwei Augen hätten und sie so auf die Dinge richten würden, daß sich ihre Achsen schneiden, wenn wir nicht zwei Hände hätten, die sich gegenseitig berühren, und von denen eine die andere wäscht, es würde sich nicht das Persönlichkeitsbewußtsein leiblich entwickeln können. Der Herr der Widerstände, der Herr der Hindernisse ist auch Ahriman-Mephistopheles. Daher mußte schon in der fünften nachatlantischen Periode Ahriman einen großen Einfluß gewinnen, weil die Persönlichkeit gerade in diesem fünften nachatlantischen Zeitraum ausgebildet werden soll. In früheren Zeiträumen hatte der Mensch weit weniger Persönlichkeit, in der ägyptisch-chaldäischen Zeit fast noch gar nicht, da war der Mensch noch fast ganz eingeschlossen in einem Gemeinsamkeitsbewußtsein. Ich habe das öfter auseinandergesetzt. Es beginnt eigentlich erst die Persönlichkeit bewußt zu werden im griechisch-lateinischen Zeitraum, und auch da langsam, es ist noch viel Gemeinsamkeitsbewußtsein da. Dann in unserem fünften nachatlantischen Zeitraum ist die Zeit, wo die Persönlichkeit ihrer selbst vollbewußt werden muß, so daß sie das, was für diesen fünften nachatlantischen Zeitraum zu erringen ist, voll aus sich heraus schafft. Stärkste Anforderungen an die Schaffens- und Lebensimpulse der Persönlichkeit ist das Charakteristikon des fünften nachatlantischen Zeitraums. Geisteswissenschaft muß hereinkommen in diesem fünften nachatlantischen Zeitraum in die menschliche Entwickelung. Aber diese Geisteswissenschaft fordert eben, damit sie verstanden, begriffen, erfaßt werden kann, eine stärkere Anspannung der intellektuellen, der Empfindungs-, auch der Willenskräfte, eine stärkere Anspannung aller Persönlichkeitskräfte, als sie in früheren Zeiten eben da waren. Und’es ist aus einem tief empfindungsgemäßen Erkennen seiner Zeitimpulse bei Goethe erflossen, daß er Ahriman-Mephistopheles an die Seite des Faust gestellt hat, der Persönlichkeitsbewußtsein in seinen Prüfungen entwickeln soll. Er muß sich an den Widerständen der mephistophelischen Einflüsse entwickeln, dieser Faust; er muß erkennen, was in der einseitigen Ausbildung von Vernunft und Wissenschaft bei Ahriman-Mephistopheles lebt, aber er muß sich erhalten darin. Bei einer Persönlichkeit, die so durch alle Wissenschaft durchgegangen ist — «Habe nun, ach, Philosophie, Juristerei und Medizin, und leider auch Theologie! durchaus studiert», die sich auch an die Magie gemacht hat, an die magischen Überlieferungen, da war es nur möglich, entweder zu verfallen in mystische Schwärmerei, dem Erdgeiste gegenüber:

Read this passage in another edition
DEoriginalENEnglish
Raw JSON: /v1/steiner/de/ga/272/1916-09-11/p045.json
Cite: GA 272/1916-09-11/p045 · edition original