15. Goethes Aufsuchen der Tiefen des Werdens und der Weltgeheimnisse in Seinem «Faust» Die Luziferische und die Ahrimanische Verführung

GA 272/1916-09-11/p055 ·1916-09-11 · original (original)
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besteht in der Grünheit der einzelnen Pflanzen; das konkrete Grün haben die einzelnen Pflanzen. Würde ich wollen die Grünheit der Wiese konkret haben, ohne die konkrete Grüne der einzelnen Pflanzen, da müßte ich die Wiese grün anstreichen, dann wäre sie aber wahrhaftig nicht eine grüne Wiese. Ich darf von der Grünheit der Wiese nur sprechen, wenn ich mir bewußt bin, daß ich konkret nur die Grünheit der einzelnen Pflanzen meinen kann. Ich muß wissen, daß die Grünheit in diesem Falle nur angewendet werde auf die einzelnen Pflanzen, und daß ich nicht verworren denken darf so, als ob die Grünheit der Wiese dem Ganzen zukommen könnte. Wenn ich abstrakt das Wort die Grünheit der Wiese gebrauche, so muß ich mir darüber klar sein, daß ich nur ein Abstraktum forme, welches zusammenfaßt die einzelnen Konkreta, die grünen Pflanzen. Das ist im eminentesten Sinne notwendig, daß solche Klarheit herrscht in bezug auf Begriffsbildungen, daß zum Beispiel die Menschen lernen, daß die Worte «Freiheit» und «Recht» konkret nur anzuwenden sind in bezug auf den einzelnen Menschen, wie die Grünheit konkret auf die einzelnen Pflanzen, und daß, wenn ich von Recht und Freiheit der Völker spreche, ich nur meinen kann ein Abstraktum, so wie die Grünheit der Wiese. Heute aber wird die verlogenste Devise, die es geben kann, fast über die halbe Welt hin gestreut, indem geredet wird von etwas, was man erkämpfen will im Namen von Recht und Freiheit der Völker, was solch ein Unsinn, eine solche Torheit ist, wie die Grünheit der Wiese eine Torheit ist, wenn man meint, man könne die ganzen Pflanzen der Wiese anstreichen, statt daß die Wiese grün ist durch die einzelnen Pflanzenindividuen. Dennoch wird durch die heutige Benebelung der Völker mit dem falschen Nationalitätsprinzip geredet von dieser törichten Devise: Recht und Freiheit der Völker. Und man wird ganz sicher selber für einen Toren, für einen Wahnsinnigen gehalten, wenn man das ausspricht, was schon einmal, gerade in Anknüpfung an den «Faust», der da sagt: «Auf freiem Grund mit freiem Volke stehen», nicht mit einer freien Nation, wovon gar keine Rede sein könnte, — was schon in Anlehnung an den «Faust» ausgesprochen werden muß. Ganz gewiß wird man heute für einen Narren gehalten oder für einen Böswilligen, der sich auflehnt gegen etwas, was so schön und so groß und so ideal ist, was so gut gewollt ist, was aber ungenau gedacht ist, schlampig gedacht ist, böswillig denkend gedacht ist, weil es etwas Atavistisches hereinbringt, was nicht hereingehört in unsere Zeit, weil es dem einzelnen ein Bewußtsein beibringt, das aus der Schwäche stammt und nicht aus der Stärke der Persönlichkeit.

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Cite: GA 272/1916-09-11/p055 · edition original