15. Goethes Aufsuchen der Tiefen des Werdens und der Weltgeheimnisse in Seinem «Faust» Die Luziferische und die Ahrimanische Verführung

GA 272/1916-09-11/p057 ·1916-09-11 · original (original)
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Mit Recht hat Herman Grimm, der sich in das Goethesche Leben eingelebt hat, gesagt: Der Goethesche «Faust» stellt eine Dichtung dar, die wirklich ganz aus der Organisation der menschlichen Persönlichkeit heraus gedacht ist. Ein Universitätsprofessor mittleren Ranges wird irre an seinem wissenschaftlichen Streben, macht allerlei durch. Aber das, was er durchmacht, ist im höchsten Sinne repräsentativ für alles menschliche Streben und enthält wirklich, wenn man tief genug eingeht, alles dasjenige, was in unserer heutigen Zeit dem Menschen an philosophischen Fragen auftauchen kann, enthält auch alles dasjenige, was an Herzensfragen auftauchen kann, enthält auch alles dasjenige, was an politischen Kräften auftauchen kann. —- Und man könnte aus den Tiefen der Geisteswissenschaft heraus hinzufügen: Gerade dasjenige, was rein menschlich ist, was Inhalt der Humanität ist, ist in diesem «Faust» enthalten. Welcher Nation gehört er denn an? Keiner, selbstverständlich. Und er ist der lebendigste Protest gegen das falsche Nationalitätenprinzip unserer Tage, das mit einem Worte Grillparzers, mit einem hart klingenden, aber doch tief wahren Worte Grillparzers gründlich getroffen ist. Grillparzer sprach das Wort aus: Von Humanität durch Nationalität zur Bestialität. - Das ist schon der Weg! Die Nationalität führt ab, wenn auf sie gepocht wird, wenn aus ihr die Aspirationen herausgeschöpft werden, von der Humanität und sie führt bald in die Bestialität hinein. Und selbstverständlich ist Politik in der Welt notwendig, aber nicht die Politisierung der Gedanken. Und man sehe, wie von Goethe die Gedanken entpolitisiert werden! Man versuche, von diesem Gesichtspunkte aus den zweiten Teil von Goethes «Faust» zu verstehen; er ist schon aus ungeheuren Tiefen heraus geschrieben. Er ist ein größtes Dokument nicht bloß unserer Zeit, sondern aller Menschheitszeiten, denn er berührt die Fragen, die wir gesehen haben, die unmittelbar sich neben die großen biblischen Fragen hinstellen. Die Sorgeszene steht neben der Paradiesesszene; die Szene, wo Mephistopheles den Geistern des Himmels gegenübersteht, steht neben dem Bilde, welches die Bibel gibt, daß die Söhne der Götter Gefallen fanden an den Töchtern der Menschen und sich mit ihnen im Fleische verbanden.

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