Das Faust-Problem

GA 273/1916-09-30/p005 ·1916-09-30 · original (original)
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Wir haben gesehen, wie der Übergang vom 14., 15. ins 16., 17. Jahrhundert in der ganzen Entwickelung der Menschheit einen außerordentlich bedeutenden Einschnitt zeigt, der Übergang von dem griechisch-lateinischen Zeitalter zu unserem fünften nachatlantischen Zeitraum, zu dem Zeitraum, in dem wir jetzt leben, aus dem unsere Impulse für alles Erkennen und auch für alles Handeln fließen, zu dem Zeitraum, der bis zum vierten Jahrtausend währen wird. Nun, aus alldem, was Sie über Goethes «Faust» wissen und über den Zusammenhang dieses Goetheschen «Faust» mit der Faust-Gestalt, wie sie aus der Sage des 16. Jahrhunderts stammt, werden Sie einsehen, daß sowohl diese Faust-Gestalt aus dem 16. Jahrhundert wie dasjenige, was Goethes Anschauung aus ihr geformt hat, in innigem Zusammenhange steht mit all den Übergangsimpulsen, die das neue Zeitalter in geistiger Beziehung und damit auch in äußerlich materieller Beziehung heraufgebracht haben. Nun ist bei Goethe die Sache wirklich so, daß gerade dies Problem vom Heraufkommen der neuen Zeit und vom Fortwirken der Impulse der neuen Zeit ungeheuer mächtig war, daß er ganz und gar inspiriert war die sechzig Jahre, die er an seinem «Faust» geschaffen hat, von der Frage: Welches sind die wichtigsten Aufgaben, die wichtigsten Gesinnungsrichtungen der neueren Menschen? Und Goethe konnte wahrhaftig zurückblicken in das abgelaufene Zeitalter, das heute selbst der Wissenschaft so wenig mehr bekannt ist, jenes abgelaufene Zeitalter, das mit dem 14., i5. Jahrhundert zu Ende geht. Was die Geschichte meldet ich habe es oftmals gesagt — über die Seelenstimmung der Menschen, über die menschlichen Fähigkeiten und Bedürfnisse früherer Jahrhunderte, das ist doch im Grunde etwas, was recht sehr «graue Theorie» ist. In den Seelen der Menschen früherer Jahrhunderte, der Jahrhunderte noch, die dem Faust-Zeitalter vorangegangen sind, sah es gewaltig anders aus als in den Seelen der Gegenwartsmenschen, in den Seelen der gegenwärtigen Menschheitsepoche. Und Goethe hat so recht eine Gestalt, eine Persönlichkeit in seinem «Faust» verkörpert, die zurückblickt auf die Seelenverfassung der Menschen in früheren Jahrhunderten, in lang vergangenen Jahrhunderten, und die zugleich vorwärtsblickt auf die Aufgaben der Gegenwart, auf die Aufgaben der Zukunft.

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