{"corpus":"steiner","locus":"GA 273/1916-09-30/p006","lang":"de","edition":"original","edition_basis":null,"is_original":true,"is_default_edition":true,"text":"Indem Faust zunächst zurückblickt auf das, was seinem Zeitalter vorangeht, kann er im Grunde nur noch auf die Trümmer einer zu Ende gegangenen Kultur blicken. Wir müssen zuerst immer den Faust des 16. Jahrhunderts ins Auge fassen, der eine historische Gestalt ist, der wirklich gelebt hat, und der dann in die Volkssage übergegangen ist. Dieser Faust lebte noch in den alten Wissenschaften darinnen, die er sich angeeignet hat, lebte in Magie, in Alchimie und in der Mystik darinnen, welche die Weisheit früherer Jahrhunderte war, namentlich auch die Weisheit der dem Christentum vorangegangenen Zeit war, die aber in der Zeit, in welcher der historische Faust des 16. Jahrhunderts lebte, schon gründlich im Verfall war. Das, was da in der Faust-Zeit als Alchimie, als Magie, als Mystik von denjenigen angesehen worden ist, unter denen Faust lebte, war durchaus schon krauses Zeug, war ein Zeug, das auf Traditionen, auf Hinterlassenschaften aus älterer Zeit fußte, in dem man sich aber nicht mehr auskannte. Die Weisheit, die darinnen lebte, kannte man nicht mehr. Man hatte mancherlei gesunde Formeln aus alten Zeiten, mancherlei richtige Einsichten aus alter Zeit, aber verstand sie nurmehr schlecht. Also in ein Zeitalter eines verfallenden Geisteslebens war in dieser Beziehung der geschichtliche Faust hineingestellt. Und Goethe vermischt fortwährend dasjenige, was der geschichtliche Faust erlebte, mit dem, was er geformt hat zum Faust des 18. Jahrhunderts, zum Faust des i9. Jahrhunderts, ja zum Faust noch vieler kommenden Jahrhunderte. Daher sehen wir auch den Goetheschen Faust wieder zurückblicken zur alten Magie, zur alten Art von Weisheit, Mystik, die nicht Chemie im heutigen materialistischen Sinne getrieben hat, die durch die Hantierungen mit der Natur in Zusammenhang kommen wollte mit einer geistigen Welt, aber die Kenntnisse schon nicht mehr hatte, um in der richtigen Art der früheren Zeit mit der geistigen Welt in Zusammenhang zu kommen. Was man in Jahrhunderten, die nun längst vergangen sind, als Heilkunde betrachtet hat, ist nicht so töricht, wie es eine heutige Wissenschaft oftmals machen will, nur ist die eigentliche darinnensteckende Weisheit verlorengegangen, und sie war zum Teil schon verloren im Zeitalter des Faust. Das kannte Goethe gut. Aber er kannte es nicht mit dem Verstande allein, er kannte es mit dem Herzen, er kannte es mit allen Seelenkräften, die an dem Wohl und Heil der Menschheit hängen und die für das Heil der Menschheit besonders in Betracht kommen. Goethe wollte sich die Rätselfragen, die für ihn daraus entsprossen, beantworten, daß man erkennen könne, wie man, immer weiter fortgehend, zu andern, für die neuere Zeit ebenso geeigneten Weisheiten in bezug auf die geistige Welt kommen könne, wie es die Alten vermochten, deren Weisheit nach dem Gange der Menschheit notwendig verglimmen mußte. Daher läßt er seinen Faust Magier werden. Faust hat sich der Magie ergeben wie der Faust des 16. Jahrhunderts. Aber er bleibt doch unbefriedigt aus dem einfachen Grunde, weil die eigentliche Weisheit der alten Magie eben schon verglommen war. Aus dieser Weisheit stammte auch die alte Heilkunde. 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