Das Faust-Problem
So, nachdem das Volk abgegangen ist, stehen sie nun da: derjenige, der hinein will zu des Lebens Quellen, der sein eigenes Wesen verbinden will mit den geheimnisvollen Kräften der Natur, um diese geheimnisvollen Kräfte der Natur zu erleben: Faust — und derjenige, der nichts sieht als das äußere materielle Leben und dasjenige, was in den Büchern eben durch Materie aufgezeichnet ist: Wagner. Man braucht nicht viel nachzudenken, was, durch all das, was er erlebt hat bis zu diesem Augenblicke, wie es uns Goethe darstellt, in Fausts Innerem vorgegangen ist; soviel aber kann man sich sagen nach alledem, was uns in Faust entgegentritt, daß das Innere, man möchte sagen, sich um- und umgekehrt hat, daß eine wirkliche Seelenentwickelung bei Faust stattgefunden hat, daß er ein gewisses inneres Schauen erlangt hat, sonst hätte er nicht den Erdgeist rufen können, der im Tatensturm auf und ab wallt. Eine gewisse Fähigkeit, die äußere Welt nicht nur ihren äußeren Erscheinungen nach zu sehen, sondern den Geist zu sehen, der in allem webt und lebt, hat sich Faust angeeignet. Da springt ihnen, Faust und Wagner, ein Pudel von ferne entgegen. Wie sie beide den Pudel sehen, einen gewöhnlichen Pudel, wie ihn Faust sieht und wie ihn Wagner sieht, das charakterisiert die beiden Menschen ganz und gar. Nachdem Faust sich hineingeträumt hat in das lebendige Geistweben der Natur, erblickt er den Pudel:
Cite:
GA 273/1916-09-30/p024 · edition original