Das Faust-Problem

GA 273/1916-09-30/p096 ·1916-09-30 · original (original)
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Nun steht die Sache so, daß, wie ich Ihnen früher einmal auseinandersetzte, das erste Siebentel unseres Kulturzeitraumes, der bis ins vierte Jahrtausend dauern wird, vorbei ist. Der Materialismus hat einen gewissen Hochpunkt erreicht; die sozialen Formen, in denen wir leben, die ja zu solch traurigen Ereignissen in unseren Jahren geführt haben, sind wirklich so, daß sie nicht mehr fünfzig Jahre die Menschheit tragen werden, ohne daß eine gründliche Anderung der menschlichen Seelen geschieht. Das elektrische Zeitalter ist für den, der die Weltentwickelung geistig durchschaut, zu gleicher Zeit eine Aufforderung, eine geistige Vertiefung, eine wirkliche geistige Vertiefung zu suchen. Denn zu jener Kraft, die unbekannt im Äußeren bleibt für die Sinnesbeobachtung, muß die geistige Kraft hinzukommen in die Seelen, die im tiefsten Inneren so verborgen ruht wie die elektrischen Kräfte, die auch erst erweckt werden müssen. Denken Sie sich, wie geheimnisvoll die elektrische Kraft ist; sie wurde erst durch Galvani, Volta aus ihren geheimen Verborgenheiten herausgeholt. So geheim verborgen ruht auch dasjenige, was in den menschlichen Seelen sitzt, und was die Geisteswissenschaft erforscht. Beide müssen zueinander kommen wie Nord- und Südpol. Und so wahr, wie die elektrische Kraft heraufgezogen ist als die in der Natur verborgene Kraft, so wahr wird heraufziehen die Kraft, die in der Geisteswissenschaft gesucht wird als die in der Seele verborgene Kraft, die dazugehört; wenn auch heute noch vielfach die Menschen vor dem, was Geisteswissenschaft will, so stehen — nun, wie ungefähr einer gestanden haben würde in der Zeit, wo eben Galvani, Volta die Frösche präpariert und bemerkt hatten an dem Zucken des Schenkels, daß da eine Kraft wirkt in diesem zuckenden Froschschenkel. Hat da die Wissenschaft gewußt, daß in diesem Froschschenkel alles lag von Berührungselektrizität, alles, was heute an Elektrizität bekannt ist? Denken Sie sich in die Zeit hinein, wo Galvani in seinem einfachen Versuchshaus gewesen ist und seinen Froschschenkel zum Fensterhaken hinaushängt, und dieser zu zucken beginnt, und er zum ersten Male dies feststellte! Es handelt sich da nicht um Elektrizität, nicht wahr, die erregt ist, sondern um Berührungselektrizität. Als Galvani das zum ersten Male feststellte, konnte er da annehmen, mit der Kraft, mit der da der Froschschenkel angezogen wird, wird man einmal Eisenbahnen über die Erde befördern, mit der wird man einmal den Gedanken um den Erdball herumkreisen lassen? Es ist noch nicht so sehr lange her, daß Galvani an seinen Froschschenkeln diese Kraft beobachtet hat. Einen, der dazumal schon sich versprochen hätte, was alles aus dieser Erkenntnis fließen wird, den hätte man gewiß für einen Narren angesehen. So kam es denn auch so, daß man heute denjenigen für einen Narren ansieht, der die ersten Anfänge einer geistigen Wissenschaft darzustellen hat. Es wird eine Zeit kommen, wo dasjenige, was von Geisteswissenschaft ausgeht, ebenso bedeutsam sein wird für die Welt aber jetzt die moralische, geistig-seelische Welt - wie dasjenige, was von dem Galvani-Froschschenkel ausgegangen ist, für die materielle Welt, für die materielle Kultur. So vollziehen sich die Fortschritte in der Menschheitsentwickelung. Nur wenn man auf solche Dinge achtet, dann entwickelt man auch den Willen, mitzugehen mit dem, was erst in den Anfängen sein kann. Hat die andere Kraft, die elektrische Kraft, die aus ihrer Verborgenheit gezogen worden ist, bloß eine äußere materielle Kulturbedeutung und nur mittelbar eine Bedeutung für die moralische Welt, so wird dasjenige, was aus der Geisteswissenschaft kommt, die größte soziale Bedeutung haben. Denn die sozialen Ordnungen der Zukunft werden geregelt werden durch das, was Geisteswissenschaft den Menschen geben kann. Und alles dasjenige, was äußere materielle Kultur sein wird, wird in mittelbarer Weise ebenfalls von dieser Geisteswissenschaft angeregt werden. Darauf kann ich heute am Schlusse nur hinweisen.

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