Faust und das Problem des Bösen

GA 273/1917-11-03/p036 ·1917-11-03 · original (original)
Record: unknown. How this text was taken down (shorthand transcript, listeners' notes or manuscript) is not on record here. Unknown is not an assurance of a stenogram: check the edition's own notes before resting an argument on one word.

In den Zeiträumen der menschlichen Entwickelung, in denen Geld nicht die Hauptsache war, sondern Warenaustausch, Tauschhandel wenn auch Geld vorhanden war, so basierte die Volkswirtschaft nicht auf dem Geld -, konnte man nicht davon sprechen, daß das äußere volkswirtschaftliche Leben durchsetzt ist von einem Netze von Illusionen, wie das im fünften nachatlantischen Zeitraum der Fall ist. Aber Goethe bringt den Faust selbst mit dieser volkswirtschaftlichen Illusion in Zusammenhang. Was will er eigentlich damit sagen, daß er das zweite Erscheinen der Helena just nach dem «Kaiserhof» hin versetzt? Womit haben wir es eigentlich zu tun? Mit Einbläsereien des Astrologen, mit dem, was suggestiv ist. Ich habe es gestern schon erwähnt, mit Täuschung, mit Illusion. Sie lebt — das wollte Goethe sagen - in der äußeren geschichtlichen Wirklichkeit, sie lebt dadrinnen geistig. Die Begriffe, die Vorstellungen — wie oft haben wir in diesen Betrachtungen davon gesprochen -, die so sehr zu Irrtümern führen. Die Irrtümer, die ich Ihnen angeführt habe, sie sind alle aus der Illusion entsprungen. Erinnern Sie sich, ich nannte Ihnen als einen charakteristischen Irrtum — aber man könnte Hunderte anführen von dieser Art -, daß gewisse Volkswirtschafter, die sich besonders gescheit dünkten, 1914 gesagt haben aus ihren volkswirtschaftlichen Gesetzen heraus: Dieser Krieg kann nicht länger als höchstens vier bis sechs Monate dauern, das geht gar nicht anders. — Er dauert jetzt aber bald so viele Jahre! Warum ist das? Warum leben die Menschen in solchen Vorstellungen, die durch die Wirklichkeit ad absurdum geführt werden? Weil in dieses Vorstellungsleben jenes Gespenst-Gespinste hineinspielt, das Goethe durch seinen Faust am «Kaiserhof» eingreifen läßt, und weil die Menschen nicht durchschauen, was in ihren Vorstellungen als Gespenst-Gespinste lebt. Sogleich als der fünfte nachatlantische Zeitraum heraufkam, wurde die Imagination derjenigen, die so etwas empfinden konnten, hingelenkt nach dem Aufnehmen der Wirklichkeit gegenüber solchen Gespenst-Gespinsten. Denn gerade für diese Erscheinung am «Kaiserhof» hatte Goethe ein Vorbild in der schönen Sachsschen Darstellung, wie ein Nekromant am Hofe Kaiser Maximilians die Helena erscheinen läßt. Da ist es nicht Faust, da ist es der Kaiser selber, der die Erscheinung fassen will, und der ihr verfällt, paralysiert wird. Dieses Hineinspinnen von Gespenst-Gespinsten in die Realität des historischen Werdens - ich möchte fragen: Wo ist sie noch so großartig dargestellt und so sachgemäß, so aus der Fülle der spirituellen Wirklichkeit heraus, wie in diesem Faust? Und ineinandergreifen müssen, sagte ich, das Bewußtsein des fünften nachatlantischen Zeitraums und des vierten nachatlantischen Zeitraums. Faust entwächst dem Mephistopheles. Für Mephistopheles kommt nichts anderes dabei heraus als das Fazit:

Read this passage in another edition
DEoriginalENEnglish
Raw JSON: /v1/steiner/de/ga/273/1917-11-03/p036.json
Cite: GA 273/1917-11-03/p036 · edition original