Statt Homunkulismus und Mephistophelismus: Goetheanismus

GA 273/1919-01-19/p029 ·1919-01-19 · original (original)
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Nun, mit dem, was ich gesagt habe, vergleichen Sie drei Momente, die Ihnen jetzt vor Augen treten können im zweiten Teil des «Faust». Jenen erhebenden Moment, wo der Faust vor die Manto hintritt. Da versucht Goethe, auszugießen über diesen ganzen Moment jene innere Ruhe der menschlichen Seele, welche durch die Empfindungen des Gleichgewichtszustandes hervorgerufen wird. Faust möchte weder auf der einen Seite hinein in das Schwärmerische einer abstrakten Mystik: «Könnt? ich» das ist eine seiner letzten Reden —- «Magie von meinem Pfad entfernen». Er möchte nicht äußere Magie, er möchte den inneren Weg in die übersinnliche Welt hinauf. Er ist nahe daran und doch wiederum entfernt. Goethe ist, wie ich das gestern ausführte, durchaus ehrlich in dem Augenblicke, wo Faust vor der Manto steht. Aber Faust wird auch nicht bloß in abstrakter Ruhe gehalten, sondern durch die Gegensätze hin- und hergeworfen. Daher wird er auf der einen Seite immerfort wiederum in den Gegensatz hineingeworfen, wo der Mensch sich verliert, indem er sich im Wollen zu erfassen versucht. Vergleichen sie alles das miteinander, was dem Faust passiert in den Szenen, in denen er selbst mit dem Mephisto zusammen sein Leben entfaltet. Da haben Sie immer den Willens-Faust, der aber sich immer verliert, indem eigentlich der Mephisto seine Impulse ergreift. Da haben Sie dasjenige, wo der Mensch abirrt in dem Willen, wo er sich verlieren will. Da haben Sie all die Gefahren, die den moralischen Impulsen des Menschen drohen. Und das ist eben in einer ungeheuren Tiefe im Goetheschen «Faust» zum Ausdruck gebracht.

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Cite: GA 273/1919-01-19/p029 · edition original