Statt Homunkulismus und Mephistophelismus: Goetheanismus
Nehmen Sie den Moment, wo Mephisto sich vereinigt mit den Phorkyaden, wo er selbst die Gestalt einer Phorkyade annimmt, wo er in seiner ganzen Häßlichkeit auch seine Häßlichkeit gesteht, denn vorher lügt er, nachher, als die Phorkyaden ihn umfassen, da muß er seine eigene Häßlichkeit gestehen. Die Phorkyaden gestehen ja — lesen Sie die Rede der Phorkyaden noch einmal nach — ihre Häßlichkeit, sind gewissermaßen ehrlich in ihrer Häßliichkeit. In diesem Moment haben Sie einen Gegensatzmoment zu jenem heilig-erhabenen Moment, da Faust vor der Manto steht. Dasjenige, was uns uns selbst verlieren läßt im Willensmotiv, das steht so recht da, als Mephisto in der «Klassischen Walpurgisnacht» zum letzten Male auftritt. Faust tritt zum letzten Male auf, sichtbarlich, äußerlich dramatisch, in der Manto-Szene, Mephisto in der Phorkyaden-Szene. Und Goethe wollte aus seiner tiefen Empfindung heraus andeuten, daß im Grunde genommen dasjenige, was uns uns selbst verlieren läßt im Willensmotiv, nur dann Heilung finden kann, wenn wir es nicht bloß moralisch verabscheuen, sondern wenn wir es gegen unseren Geschmack verstoßend als Häßliches erleben. Das war ja auch die Grundempfindung Schillers, als er das Moralische so nahe heranbrachte an das Ästhetische in den «Briefen über die ästhetische Erziehung des Menschen».
Cite:
GA 273/1919-01-19/p030 · edition original