{"corpus":"steiner","locus":"GA 273/1919-01-19/p038","lang":"de","edition":"original","edition_basis":null,"is_original":true,"is_default_edition":true,"text":"Es ist nicht zu verwundern, daß von einem gewissen Gesichtspunkte aus diese Errungenschaft des 19. Jahrhunderts, die ins 20. Jahrhundert hinüberreicht, als vollkommen empfunden wurde. Es ist gar nicht zu verwundern. Denn, nicht wahr, bevor der Baum im Herbste alles abwirft, ist er gerade in seiner vollkommensten Fruchtentfaltung. Diese Naturwissenschaft des 19. Jahrhunderts, die noch hereinspukt in das 20. Jahrhundert, alle diese technischen Vollkommenbheiten, die bis zu einer gewissen Höhe gekommen sind, sie sind der Baum, bevor er seine Früchte abwirft. Das, worauf das alles gewachsen ist, es ist ja zum Verdorren, und es genügt nicht, daß dieser Baum weiterwächst, sondern es muß in den Kulturboden der Menschheit ein neuer Same gelegt werden, und ein neuer Baum gepflanzt werden. Es genügt nicht, daß wir denken, wir haben die Entwickelung der Tiere erkannt, wir denken sie uns etwas weitergeführt, dann den Menschen. Es genügt nicht, daß immer mehr solche Geister auftreten, die zuerst in einer genialen Weise über Tiere Artikel schreiben und später ein Buch über die Entstehung des Menschen so wie eine Fortsetzung schreiben, sondern es ist notwendig, daß mit der Geradlinigkeit der Entwickelung gebrochen werde, und die Menschen verstehenlernen den Rhythmus des Lebens, der in Wellenberg und Wellental verfließt; daß die Menschen lernen, wie in das Innere der Menschheit der Weg nicht geht in geradliniger Weise, sondern über zwei Grenzen. An der einen Grenze glaubt man schier ersticken zu müssen, weil einen jemand erfaßt, der einen nicht bis dahin kommen läßt, wo das Denken hinkommen will. Auf der andern Seite glaubt man schier, daß man zugrunde gehe mit dem Geschleiftwerden durch die mephistophelischen Gewalten. Das Gleichgewicht zu finden zwischen dem Homunkulismus und dem Mephistophelismus, zwischen dem im Homunkeltum-Aufgehen und Sich-nicht-erreichen-Können, und dem vom Mephistopheles Erfaßtwerden und Sich-Verlieren. Das Verständnis dieses Gleichgewichtes, das ist es, was über die moderne Menschheit kommen muß, und das ist es, in dem Goethe vorahnend als in der Empfindung davon lebte, als er versuchte, ganz ehrlich zu sagen, was er über das Menschheitsrätsel zu sagen hatte in seinem «Faust». Herauswachsen aus dem, was heute bildhaft die Vorstellung der platten Menge ist, das ist es gerade, wonach die Menschheit hinstreben soll. Nichts wird heute mehr angefeindet als dieses Herausstreben. Mit nichts schadet sich die Menschheit mehr als durch dieses Anfeinden des Herausstrebens aus der platten Alltäglichkeit. Aber solange dieses Bekämpfen des Herausstrebens aus der platten Alltäglichkeit nicht auf der andern Seite wirklich bekämpft wird von denjenigen, welche die Notwendigkeit des Eindringens in das Übersinnliche anerkennen, so lange kann nicht Heil kommen in die Entwickelung der Menschheit.","text_trust":"verbatim","quote_safe":true,"title":"Statt Homunkulismus und Mephistophelismus: Goetheanismus","site_heading":null,"date":"1919-01-19","location":null,"word_count":420,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/273/1919-01-19/p038","alignment_confidence":null,"alignment_reason":null,"two_voice_volume":false,"translation_credit":null,"edition_coverage":{"de":["original"],"en":["English"]},"available_versions":[{"lang":"de","edition":"original","edition_basis":null,"is_original":true,"is_default_edition":true,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/273/1919-01-19/p038"}],"record":{"record_type":"unknown","scope":"volume","note":"How this text was taken down (shorthand transcript, listeners' notes or manuscript) is not on record here. Unknown is not an assurance of a stenogram: check the edition's own notes before resting an argument on one word.","evidence":null,"evidence_translation":null,"evidence_source":null}}