Statt Homunkulismus und Mephistophelismus: Goetheanismus
Man könnte sich eines denken: jemand läse jetzt den Hamerlingschen «Homunkulus», der am Ende der achtziger Jahre des 19. Jahrhunderts erschienen ist, diesen «Homunkulus», über den ich ja manchen Vortrag gehalten habe, wahrhaftig auch vor dem Kriege nicht ohne eine gewisse Bedeutung darüber gesprochen habe. Nehmen wir an, es läse jetzt jemand diesen Hamerlingschen «Homunkulus», er lasse auf sich wirken, was Hamerling sich denkt von dem Werdegang seines Homunkel. Das alles hat er gedacht am Ende der achtziger Jahre, als schon gebrochen war mit allem Goetheanismus, als schon die Menschen nichts mehr wissen wollten von allem Goetheanismus. Hamerling hat dargestellt den Werdegang des Homunkel: wie er ganz von materialistischem Denken erfaßt wird, wie er lebt in einer Welt, in der man sich nicht bereichert durch geistige Schätze, wohl aber Billionär wird -— Homunkel wird Billionär -, in der man sich in der frivolsten Weise selbst mit der geistigen Welt zu schaffen macht, in der sich schon ausbildet, mit Respekt zu vermelden, jener Journalismus, der seither noch viel furchtbarere Versumpfung erfahren hat. Man nehme an: jetzt läse jemand diesen Hamerlingschen «Homunkulus». Nun würde er sich vielleicht sagen: Ja, Gott, dieser Hamerling - er ist 1889 gestorben - hat eigentlich doch nur mit physischen Augen, als er seinen «Homunkulus» schrieb, die Menschheit gesehen, wie sie damals war auf den Wegen, denen sie zueilte. Nehmen wir an — so könnte ein solcher sagen, der jetzt diesen «Homunkulus» liest —, die Leute hätten damals so etwas, wie das ist, was Hamerling in seinem «Homunkulus» zeigt, ernst genommen, sie hätten es wirklich ein bißchen auf sich wirken lassen, nicht bloß als literarisches Produkt, sondern sie hätten es ernst genommen, dann hätten sie sich wahrhaftig nicht verwundert, wenn jemand gesagt hätte: Aus dieser Menschheit muß diese Weltkatastrophe entstehen ganz notwendigerweise. - Das kann sich jemand sagen, der heute den «Homunkulus» liest. Was ist weiter verwunderlich daran, daß diese Weltenkatastrophe entstanden ist, da ein Dichter der achtziger Jahre den Menschen Homunkel in dieser Weise darzustellen vermochte?
Cite:
GA 273/1919-01-19/p040 · edition original