Erster Vortrag
Man hört so oft: Ja die Bücher, die uns zur Verfügung stehen von der modernen Geisteswissenschaft, sind schwierig geschrieben, sie fordern, daß man sich so recht anstrengt, daß man aktiv wird in der Entwickelung seiner Seelenkräfte, um sich so ganz in diese Geisteswissenschaft hineinzuleben. - «Wohlwollende» Menschen - ich sage das in Gänsefüßchen gesetzt - kommen daher immer wieder mit dem Ansinnen, daß sie an schwierigen Stellen ihren Mitmenschen die Sache etwas erleichtern wollen und möglichst - das sage ich jetzt nicht unter Gänsefüßchen - vertrivialisieren wollen dasjenige, was in einem etwas schwierigen Stil geschrieben ist. Aber es gehört zum Wesen der Geisteswissenschaft, daß sie Anforderungen stellt an die Aktivität des Seelenlebens, daß man gewissermaßen nicht leicht zu der Anerkennung des Geisteswissenschaftlichen kommt, denn es handelt sich innerhalb dieser Geisteswissenschaft nicht etwa bloß darum, daß man dieses oder jenes aufnimmt, was die Geisteswissenschaft über diese oder jene Dinge zu sagen hat, sondern es handelt sich darum, »ze man es aufnehmen kann, daß man es mit Anstrengung, mit Aktivität der Seele aufnimmt, daß man gleichsam, verzeihen Sie den weniger höflichen Ausdruck, im Schweiße seiner Seele sich erarbeiten muß das geisteswissenschaftliche Gut. Das gehört, verzeihen Sie den mechanischen Ausdruck, zum geisteswissenschaftlichen Betriebe.
Cite:
GA 275/1914-12-28/p021 · edition original