Zweiter Vortrag

GA 275/1914-12-29/p036 ·1914-12-29 · original (original)
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Ich habe ja gestern darauf hingedeutet, daß der Mensch im Grunde genommen nicht nur bei Nacht schläft, sondern daß Gewisses im Menschen auch bei Tag schläft. Bei Nacht schläft mehr das Gedanklich-Gefühlsmäßige, bei Tag schläft mehr das Willensartig-Gefühlsmäßige. Gerade in dieses Willensartig-Gefühlsmäßige taucht man unter, wenn man das Ich untertauchen läßt in den Astralleib. Und in dem Erklingen des musikalischen Kunstwerkes liegt eben das vor, daß der Mensch bewußt hinuntertaucht mit der Ich-Natur in dasjenige, was sonst schläft. Sitzen Sie im Anhören einer Symphonie, so bedeutet das in Ihnen den inneren Vorgang, das gewöhnliche, profane Gedankenleben zu dämpfen und mit Ihrem geistig-seelischen Erleben hinunterzutauchen in das, was sonst während des Tagwachens schläft. Das bedingt den Zusammenhang der musikalischen Wirkung mit all den belebenden Kräften im menschlichen Organismus; das bewirkt den Zusammenhang mit alledem, was gleichsam den ganzen Menschen durchzieht und durchlebt und ihn eins werden läßt, ich möchte sagen, ihn zusammenwachsen läßt mit strömenden Tonmassen.

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Cite: GA 275/1914-12-29/p036 · edition original