Achter Vortrag
Aber in solchen Dingen lebt auch die Menschheit in einer zyklischen, in einer rhythmischen Bewegung. Und das materialistische Zeitalter kann allerdings, weil es getilgt hat dasjenige, was als allgemeines Gefühl früher vorhanden war - das Hineingehen des Selbstgenusses in die Sinne, in die Nerven- und Blutzirkulation, was allerdings früher mehr vorhanden war -, sich deshalb stärker hingeben den Eindrücken des Essens und Trinkens. Man kann sehr leicht studieren den ganzen Umschwung und Aufschwung, welcher in dieser Beziehung in verhältnismäßig kurzer Zeit stattgefunden hat. Es braucht sich jemand nur eine Hotelspeisekarte aus den siebziger Jahren zur Hand zu nehmen, um sie zu vergleichen mit einer heutigen. Man würde sehen, wie das Leben in den verfeinerten Genüssen, in den Selbstgenüssen des eigenen Leibes, Fortschritte erfahren hat. Aber solche Dinge gehen auch zyklisch vor sich, alles kann nur bis zu einem gewissen Grade erreicht werden, und so wie ein Pendel nur ausschlagen kann bis zu einem gewissen Punkte und dann wieder zurück muß, so muß auch der bloß physische Genuß, von einem bestimmten Punkte ab, wo er angelangt sein wird einmal, wieder zurück. Das wird dann eintreten, wenn die schärfsten Genüßlinge, also die, welche die meiste Sehnsucht haben nach Genüssen, selbst vor den am leckersten zubereiteten Dingen so stehen werden, daß sie sie nicht verlangen, sondern so, daß sie sagen: Äh! das mag ich nicht, das ist mir alles schon über! — Dieser Zeitpunkt wird auch eintreten, denn das ist notwendige Entwickelung. Alles verläuft zyklisch.
Cite:
GA 275/1915-01-04/p039 · edition original