Die Welt als Ergebnis von Gleichgewichtswirkungen. Vierter Vortrag
Ich habe es aus vielen Zusammenhängen heraus betont, daß es nicht eine Willkür ist, daß wir heute Geisteswissenschaft treiben, sondern daß die Beschäftigung mit dieser Geisteswissenschaft von uns gefordert wird durch die Evolution der Menschheit, durch das, was im gegenwärtigen Zeitpunkte in der Menschheitsevolution sich vorbereitet. Man kann nämlich dieses gleichsam Sich-Getrenntfühlen in seiner menschlichen Wesenheit von seinem physischen Leibe als etwas bezeichnen, was wie ein unverstandenes Erlebnis immer mehr und mehr über die Menschen wie von selbst kommen wird, je weiter wir als Menschheit der Zukunft entgegengehen. Es wird eine Zeit kommen, wo an viele, viele Menschen immer mehr die Empfindung herantreten wird: Ja, was ist denn das, ich fühle mich so, wie wenn ich mich gespalten hätte, wie wenn da noch ein Zweiter neben mir wäre. — Und diese Empfindung, dieses Gefühl, das als etwas Natürliches auftreten wird, geradeso wie Hunger oder Durst oder andere Erlebnisse, darf nicht unverstanden bleiben bei den Menschen der Gegenwart und Zukunft. Verständlich wird es sein, wenn die Menschen sich bequemen werden, durch die Geisteswissenschaft die eigentliche Bedeutung dieses Gespaltenseins zu verstehen. Insbesondere wird auch die Pädagogik, die Erziehung - je mehr wir diesen Dingen entgegengehen — darauf Rücksicht nehmen müssen. Man wird lernen müssen, auf gewisse Erlebnisse der Kinder sorgfältiger zu achten, als man das bisher getan hat, wo diese Erlebnisse auch nicht in demselben Maße da waren.
Cite:
GA 277a/1914-11-20/p005 · edition original